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Krieg 18

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Von: Thomas Stillbauer

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Zwei Mauersegler.
Zwei Mauersegler. © Andreas Arnold

Von Mauerseglern, dem Bücherkater und der Friedlichkeit. Leider nicht überall.

Oben die Mauersegler, unten der Bücherkater. Oben jagten sie einander kreischend durchs Blauweißblau. Zischten über den Balkon, so haarscharf am Lavendel vorbei, dass er schwankte, mit der Hummel dran, so atemberaubend, dass man sich fragte: Wie hatte man die als junger Mensch ganz und gar ignorieren können?

Oder die Amsel? Wie fantastisch die sang? Im Wettstreit mit der anderen Amsel, es ging wie immer um die Vorherrschaft im Revier. Damals hatte es die Dialoge mit der Taube gegeben. Die schon. Morgens das Fahrrad aus dem Keller geholt, bloß vorsichtig, denn wer mit elf Jahren plötzlich einen Schuss gemacht hatte und den Lenker am Bonanza-Rad aufs Äußerste herausmontieren musste, so hoch es ging, dem kam gelegentlich die eine Lenkerhälfte unversehens entgegen. Dann lagst du direkt auf der Nase. Aber junge Nasen hielten was aus.

Uuh-uuh-uh-uh. Die Taube antwortete, daran war kein Zweifel. Dann ab in die Schule. Andere Vögel spielten keine Rolle, jedenfalls keine, an die man sich viel später noch erinnern würde, außer Hansi, dem Wellensittich, aber der war ja kein Vogel im eigentlichen Sinn, der war ja Hansi. Gemalt haben wir vermutlich die Mauersegler, oder was sollen die geschwungenen Buchstaben M am Himmel sonst gewesen sein. Wie die aber hießen, das wusste ja damals kein junger Mensch.

Jetzt waren sie ein Trost in ihrer Unerschütterlichkeit, in ihrer Harlekinhaftigkeit, in ihrer Tempolimitlosigkeit. Und weit genug weg vom Trost auf Erden, dem Bücherkater, dass sie sich nicht in die Quere kamen. Der Bücherkater saß morgens piepsend vor der Tür, seine Stimme immer noch das Understatement des Jahrhunderts, wenn man den stattlichen Kerl dazu anschaute, und nachmittags lag er auf den Gartenmöbeln der Nachbarn, die ihn einst bei sich aufgenommen hatten, als der Büchermann gestorben und die enormen Büchermengen rund ums Bücherhaus beseitigt waren. Anders konnte man es nicht nennen als: beseitigt. Wie auch die Bücherbäume. Beseitigt für einen lächerlich teuren Neubau ohne Keller.

Wenn er erwachte, der starke, scheue Bücherkater, dann stieg er vom Gartenstuhl auf den Gartentisch und machte sich so lang, wie ein Kater nur werden konnte. Fläzte sich über den ganzen Tisch. König des Anwesens. Schnurrender Herrscher. Oben die vor Vergnügen kreischenden Mauersegler. Unten der wohlig ausgestreckte Bücherkater. Das Leben. Anderswo jagten sie Einkaufszentren in die Luft. Der Tod.

18 Wochen Krieg, und die Welt könnte gegensätzlicher nicht sein. Machen wir uns bloß nichts vor, so war sie schon immer, die Welt. Wie viel besser könnten wir das, wenn alle wollten.

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