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Krieg 14

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Von: Thomas Stillbauer

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14 Wochen Krieg, und man wünschte sich so sehr, dass alle Clowns, wenn sie erwachsen sind, zu den Sandklumpen zurückkehren.
14 Wochen Krieg, und man wünschte sich so sehr, dass alle Clowns, wenn sie erwachsen sind, zu den Sandklumpen zurückkehren. © Imago

Der Junge bestand damals auf Plopp-Gewehr und Erbsenpistole. Erst heute wirkt der pragmatische Pazifismus der Mutter nach.

Mütter wollen nicht, dass Söhne mit Waffen spielen. Das ist eine der vielen, vielen guten Eigenschaften von Müttern. Mütter füttern ihre Kinder, Mütter stärken, trösten, Mütter bringen ihren Kindern alles bei, was sie fürs Leben brauchen, sogar wenn sie selbst Eltern hatten, die das versäumten. Mütter achten darauf, dass Söhne die Dinge lernen, die ihnen selbst zu lernen verwehrt blieben.

Und Mütter tun, was sie können, damit Söhne friedlich bleiben. Sie lenken, wenn der Junge im Spielwarenladen die Soldaten will, Nordstaaten gegen Südstaaten, das spielte man einmal, sie lenken dann die Aufmerksamkeit auf die Autorennbahn da drüben. „Heiße Räder“, auch damit spielte man einmal. Man konnte a) den Startpunkt mit einer Klemme am Fensterbrett befestigen, so dass die Rennwagen bergab mit Schmackes losjagten und den Looping schafften. Meistens.

Und man konnte b) die Rennwagen kaufen, die einen eigenen Antrieb hatten. Das war absolut sensationell. Es gab eine Tankstelle, da steckte man die Autos seitlich dran, dann waren sie wieder aufgeladen. Und schafften den Looping ohne Fensterbrett. Es waren praktisch Elektroautos. Vor fünfzig Jahren. Wir hatten alles, um die Welt zu retten, schon damals. Stattdessen ein autofreier Sonntag, fertig. Wo warst du in den Siebzigern mit deinen Gedanken, Automobilindustrie?

Väter und Großväter schenkten Soldaten und Spielzeugwaffen. Waren sie mit dem Jungen auf dem Juxplatz, kam der Junge mit einem Plopp-Gewehr heim, mit einem Schwert, mit einem Fort, mit Cowboys und Sioux, mit Soldaten. Jemand erklärte ihm, wer die Yankees waren. Alle im Hort, in der Schule, alle hatten Spielzeugsoldaten und Waffen, also brauchte der Junge, dachte er, auch Spielzeugsoldaten und Waffen. Dann baute der beste Kumpel Kriegsschiffe. Dann gingen alle zum Totolotto und kauften sich Erbsenpistolen, mit denen man richtig in echt aufeinander schießen konnte. Aufrüstungsspirale. Wie soll man das sonst nennen.

Zur Fastnacht versuchte es die Mutter mit den Varianten Clown, Gespenst, Fliegenpilz, man kann sagen: Sie versuchte alles. Der Junge wusste aber, wo im großen Schrank die Zündplättchenpistole versteckt war, und er wusste, wo im Keller der Wohnungstürschlüssel für Notfälle lag, also flüchtete er mittags aus dem Hort und holte die Pistole. Er war dann ein bewaffneter Clown. Ein wehrhafter Fliegenpilz. Alle anderen hatten ein Schießgewehr. Sollte er der einzige Mann in Dodge City sein, der mit Sandklumpen warf?

Und bei manchen wirkt der pragmatische Pazifismus der Mutter am Ende doch noch. 14 Wochen Krieg, und man wünschte sich so sehr, dass alle Clowns, wenn sie erwachsen sind, zu den Sandklumpen zurückkehren.

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