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Krieg 13

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Von: Thomas Stillbauer

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Kämpfer der Territorialen Verteidigungseinheit, einer Unterstützungseinheit der regulären ukrainischen Armee, entladen ihre Waffen, nachdem sie an einer Übung außerhalb von Kiew teilgenommen haben
Kämpfer der Territorialen Verteidigungseinheit, einer Unterstützungseinheit der regulären ukrainischen Armee, entladen ihre Waffen, nachdem sie an einer Übung außerhalb von Kiew teilgenommen haben. © SERGEI SUPINSKY/AFP

Zweimal durchgefallen, beim Verweigern aus Gewissensgründen. Und jetzt wollen, dass die sich verteidigen, mit Waffen?

Soll das so weitergehen? Will der jetzt jede Woche etwas Beklemmendes über den Krieg schreiben? Will der das weitertreiben bis Ultimo? Muss das sein?

Das soll nicht so weitergehen. Der will jetzt nicht jede Woche über den Krieg schreiben. Der will das nicht weitertreiben. Der wäre so froh, so unendlich froh, wenn er damit aufhören könnte. Aber jetzt hat er eben damit angefangen, 13 Wochen inzwischen, 13 Wochen Krieg, und wenn der Krieg nicht aufhört, wenn die Menschen da, wo der Krieg ist, noch weitere 13 Wochen leiden müssen, dann ist das bisschen Text hier einmal die Woche gar nichts dagegen, und dann zieht der das durch. Wenigstens das.

Der kann übrigens auch ganz oberschlau fürs Standhalten und Weiterkämpfen plädieren – aber selbst nie eine Waffe in der Hand gehabt! Nicht gedient. Verweigert. So was von verweigert!

Es war eine Zeit, in der niemand, den er kannte, „zum Bund“ ging. In 13 Jahren Schule hatte sich selbst in der Familie ein epochaler Meinungswandel vollzogen: von „Der Barras hat noch keinem geschadet“ zu „Sinnvoller, wenn du was Soziales machst“.

Also hat der verweigert. Also hat der sein Gewissen prüfen lassen. Das war wohl nicht überzeugend genug, das Gewissen. Die vier, fünf Männer, die über sein Gewissen entscheiden sollten, ob der wirklich nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, auf andere Leute zu schießen, diese Männer lasen Zeitung oder machten ein Nickerchen, während er seine Gewissensbisse ausbreitete. Urteil: durchgefallen. Junge, geh schießen lernen.

Nächste Stufe. Nächster Gewissenstest, diesmal in der Landeshauptstadt. Vorher bei der Friedensgesellschaft Rat geholt. Zu zweit wochenlang auf die Prüfungssituation vorbereitet. Der Feind kommt und will der Freundin, der Mutter etwas Schlimmes tun. Ob er dann schießt. Der mit dem Gewissen. Die Gewissensbisse des Kollegen, mit dem er sich gemeinsam stark gemacht hatte, wurden anerkannt. Die eigenen Gewissensbisse wieder nicht.

Nächste Stufe und letzter Ausweg damals: der Rechtsanwalt, der junge Männer verteidigte, die niemanden töten wollten, und der Arzt, der es für potenziellen Mord erklärt hatte, zu lernen, wie man jemanden tötet, Uniform hin, Uniform her. Die beiden hauten ihn da raus. 1500 Mark. Frei. „Die wollen Sie nicht mehr“, sagte der Anwalt dem jungen Friedliebenden. Unvergesslich.

Und jetzt will der, dass die sich verteidigen, mit Waffen? Der hätte das nie gedacht. Dass es mal so weit kommt. Obwohl es anderswo längst so weit war. Der ist in dieser Sache alles andere als zufrieden mit sich. Auch deshalb schreibt der hier stur weiter über den Krieg und was er mit einem macht.

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