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Krieg 12

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Von: Thomas Stillbauer

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Trümmer eines Wohnhauses in Kiew.  (Archivfoto)
Trümmer eines Wohnhauses in Kiew. (Archivfoto) © IMAGO/Valeria Ferraro

Die Verrückten sind immer die anderen, klar. Aber zu welcher Gruppe gehörst Du?

Zwölf Wochen Krieg, und die Welt steckt fest in grundsätzlichen Erwägungen. Versteckt sich hinter klugen Sätzen. Abseits der grundsätzlichen Erwägungen bist du immer mal wieder fröhlich und hörst Musik und verfolgst Sportveranstaltungen. Wie emotional du trotz allem sein kannst! Wie losgelöst du uralte Lieblingslieder mitsingst und in der Küche dazu albern tanzt, ohne schlechtes Gewissen manchmal.

In den grundsätzlichen Erwägungen kommst du um das schlechte Gewissen nicht herum. Da hält deine Gedankeneisenbahn regelmäßig, fahrplanmäßig bei der Frage, ob man jemanden töten wollen darf. Nächste Station: Verhandlungen. Übernächste Station: Sanktionen. Überübernächste Station: Waffenlieferungen (voraussichtliche Verspätung: einen Moment bitte, wird gerade berechnet). Da sind wir schon beim Umbringen angekommen.

Beim Waffenliefern sind wir schon eins drüber. So war es jedenfalls ein Leben lang. Beim Waffenliefern entgleist dein Zukunftszug, da verlässt er den Kurs, den du für die Reise ausbaldowert hast. Waffen zu haben war immer das Ende der Ausbaustrecke. Waffen zu liefern war Grund für das Ziehen der Notbremse – solange irgendwo, sonstwo damit getötet wurde. Jetzt, da zwei Bahnhöfe weiter getötet wird, nicht mehr. Paradox. Plausibel. Überüberübernächste Station: Tyrannenmord. Endstation.

Ob du jemanden umbringen wollen darfst, nein: ob du dir wünschen darfst, dass jemand jemanden umbringt, damit alles wieder besser wird – wenn du dich das fragst, was ist dann mit dir passiert? Bist du dann auch kaputt? Ist dann alles kaputt?

Verrückte zerstören die Welt und zuerst die sozialen Gefüge. Egoisten, Despoten und Verrückte verhindern, dass wir friedlich und gesund zusammenleben. Zu welcher Gruppe du gehörst, oder zu keiner, kannst du dir aussuchen. Fest steht, dass die Verrückten immer die anderen sind, egal, wofür oder wogegen du bist. Allerdings zerstören wir ja nicht die Welt. Das tun die Verrückten.

Sie machen, dass du anfängst, dich zu fragen, ob du gelegentlich für ein Demonstrationsverbot sein solltest. Sofern die Falschen demonstrieren. Schon haben sie dich. Aus dem Land werfen willst du sie, nach drüben gehen sollen sie doch, wenn es ihnen hier nicht passt. Und je mehr du dich verstrickst in deine grundsätzlichen Erwägungen, in deinen maßgeschneiderten Rassismus, desto tiefer atmest du ein, was alles infiziert. Deine Leichtigkeit, weg. Long Putin.

„Ich versteck mich hinter klugen Sätzen/ Ziehe Konsequenzen, die gar keine sind.“ Das ist von der Band Annen/May/Kantereit. Was für kluge Sätze. Aus dem Jahr 2018, ehe alles so unklug wurde.

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