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Krieg 10

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Von: Thomas Stillbauer

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 „Ich dachte, Maske ist vorbei.“
„Ich dachte, Maske ist vorbei.“ © Boris Roessler/dpa

Von Uroma Lilli, die sich damit auskennt, einen Krieg zu überleben. Und vielleicht auch eine Pandemie. Die Kolumne „Times mager“.

Zehn Wochen Krieg. Falls sich noch jemand erinnert: Vor dem Krieg war Corona. In den Supermärkten, Bäckereien, in den Warteschlangen, auf den Messen, in den U-Bahnhöfen fällt es nicht mehr so sehr auf, aber es gab diese Bedrohung einmal. Oder gibt es sie noch immer?

Es gibt sie noch immer, die Pandemie, aber nur noch für die, die am meisten gefährdet sind, paradox, aber wahr. Jene, die anfangs am konsequentesten geschützt waren, behütet bis zur lebensbedrohlichen Isolation, müssen jetzt sehen, wo sie bleiben. Dass sie bleiben.

Die Situation, über die wir uns hier vor einigen Wochen gemeinsam lustig gemacht haben, acht Leute in der Stadtteilmetzgerei, aber nur zwei Bedienungen hinterm Tresen, sie hat Bestand. Jetzt tragen von den acht Leuten nur noch zwei, drei eine Maske. Die anderen plagt keine Angst mehr. Sie hätten schon Corona gehabt, sagen sie selbstbewusst in die Kameras, sie machten sich keine Sorgen um ihre Gesundheit. Ihre eigene. Brachial-Fernsehkomiker filmen sich beim Aus-der-Bahn-geworfen-Werden, also aus der Deutschen Bahn, und sagen: „Ich dachte, Maske ist vorbei“ und nennen die Schaffner Arschlöcher. Und es findet sich immer jemand, der das genauso sieht. Es finden sich Tausende.

In den zwei vorigen Frühlingen waren es die Jungen, die Gesunden, die Corona hart traf. Sie mussten zurückstecken, um achtzugeben auf die Gefährdeten, auf Uroma Lilli, auf Tante Carola mit der neuen Niere. Da gingen Erlebnisse verloren, die vielleicht nicht Uroma Lilli, aber Tante Carola in ihrer Jugend noch genießen durfte. Erste Liebe, wild durchtanzte Nächte, die Unbefangenheit, das Freisein. Das junge Leben.

Wie schön, wie gerecht, ernsthaft, dass die Jungen, die Gesunden jetzt wieder etwas mehr von diesem freien Leben haben. Andere nicht. Aber so läuft es eben. Du hast beim Bäcker am Tresen auch lautstärkemäßig einen Nachteil gegenüber den Unmaskierten. Es ist jetzt halt so. Ein Supermarkt wird gefeiert, weil er eine Stunde Maskenpflicht ausruft, damit die Vulnerablen mit etwas weniger Angst einkaufen können. Morgens von sieben bis acht. Danach ist Corona rum.

Vor allem ist jetzt Krieg. Was willst du dich aufregen über etwas, das niemanden mehr interessiert außer den Angehörigen der Flugzeugladung Menschen, die hier täglich „an oder mit“ dem Virus sterben, wenn nebenan Krieg ist. Wenn es doch jetzt zu Recht um unsere Haltung zu einem grausamen Krieg geht, ob wir helfen sollen, sparen sollen, auch wenn es hart wird, oder ob uns das lieber zu gefährlich ist. Uroma Lilli kennt sich damit aus: Krieg überleben. Vielleicht schafft sie sogar eine Pandemie.

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