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Kreuzfahrer

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Von: Stephan Hebel

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Wenn Sie eine Kreuzfahrt buchen, ist die Kreuzfahrt inklusive. 
Wenn Sie eine Kreuzfahrt buchen, ist die Kreuzfahrt inklusive.  © Imago

Ein Wort wie Kreuzfahrt hat, Putin sei Undank, derzeit wieder einen ganz neuen Klang.

Um mit dem Positiven zu beginnen: Wenn Sie eine Kreuzfahrt buchen, ist die Kreuzfahrt inklusive. Gleich am Anfang in der Liste „Inklusivleistungen für Ihre Kreuzfahrt“ steht es blau auf weiß in dem Katalog, der uns dieser Tage erreichte: „Kreuzfahrt in einer Kabine der gebuchten Kategorie“.

Im ersten Moment mögen Sie denken, es sei nicht unbedingt notwendig gewesen, zu erwähnen, dass die Kreuzfahrt bei einer Kreuzfahrt zu den Inklusivleistungen gehört. Aber im zweiten Moment wird Ihnen klar: Das muss ausdrücklich gesagt werden in Zeiten, da das Wort „zubuchbar“ zum Synonym für das Gelddrucken geworden ist. Nur Weltkrise ist nicht zubuchbar, St. Petersburg ist raus aus den Routen der Kreuzfahrtschiffe, ein bisschen mehr Baltikum muss reichen.

Überhaupt bekommen Wörter wie Kreuzfahrer („Kreuzfahrerin“ lassen wir hier aus historischen Gründen weg) in Zeiten des Krieges wieder einen ganz neuen Klang. Die Reiselust der Deutschen soll ja ungebrochen sein, heißt es. Aber die Kreuzfahrerei löst, Putin sei Undank, nun doch wieder ganz andere Gedanken aus im durchgeschüttelten Gehirn.

„Kreuzfahrer“, teilt Wikipedia mit, steht entweder für „einen Teilnehmer an einem Kreuzzug“ oder für „einen Teilnehmer an einer Kreuzfahrt“. Folglich haben Sie, sollten Sie in diesem Jahr auf Kreuzfahrt gehen, den Staatsverbrecher mit an Bord, klanglich zumindest, auch wenn Sie das ganz und gar nicht wollen.

„Wie ein mittelalterlicher Kreuzritter sieht sich Putin berufen, das geistliche Zentrum der russischen Kirche zurückzugewinnen“, lesen wir dieser Tage in einem aufschlussreichen Text des „Tagesanzeigers“ aus Zürich, und dieses Zentrum liegt für den Kreml-Mann nun einmal in Kiew, seit sich Wladimir I., Herrscher der Kiewer Rus, 988 taufen ließ.

Und seit sich die ukrainische Orthodoxie 2019 unter Zustimmung der USA von der russischen löste, lebt die Moskauer Herrscherclique in der Vorstellung, der Lieblingsfeind in Washington habe es sich „zum Ziel gesetzt, die Einheit des orthodoxen Christentums zu zerstören“ (so soll Putins Außenminister Lawrow sich ausgedrückt haben).

Nun müssen wir nicht gleich von einem Religionskrieg reden – dieses scheingläubige Gefasel ist eher der ideologische Überbau für territoriale, ökonomische und andere Machtinteressen. Aber nicht ganz ohne Erfolg dürfte Wladimir Putin darauf gesetzt haben, als Kreuzfahrer der wahren Christenheit gegen den ungläubigen Westen vor seinem Volk besser dazustehen. Und wenn Sie nun auf Kreuzfahrt gehen, werden Sie spüren, wie Worte plötzlich ihre Unschuld verlieren, weil sie wieder zu Waffen geworden sind.

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