1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Kost-Probe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Hmmm, Himbeeren.
Hmmm, Himbeeren. © Michael Schick

Die Obstbäume lassen reiche Ernte erwarten. Des Schlaraffenland-Gefühl weicht aber einem Unbehagen.

Hier versprechen an einem Baum von ziemlich armseliger Statur (vorerst noch) quietschegrüne Pflaumen eine reiche Ernte. Dort hängen an einem Walnussbaum grüne Kugeln in wahren Büscheln; wenn die Nussbommeln weiterhin in dieser Fülle wachsen, werden sich die dünneren unter den Ästen bald biegen. Oder brechen, beim nächsten Sturm? Bei den Brombeeren flitzen oder brummeln, je nach Temperament, Bienen und Hummeln von Blüte zu zartlilarosa Blüte. Die Früchte sind noch winzig, kaum mehr als drei, vier, fünf Körner. Das mag an der Trockenheit liegen. Zum Trost erzählen wir uns Geschichten von trockenen Sommern, in denen die kleinen Früchte aber die schmackhaftesten waren. Ein wenig wie Kaugummi im Mund, dafür aber aromatisch.

An sonnigen Stellen hängen bereits reife Himbeeren, auch sie sind nicht gerade groß, natürlich hat auch das ein und andere Würmchen sie schon bezogen, froh, ein Dach über dem, nun ja, Knopfkopf und eine Speisekammer in einem zu haben. Aber der Geschmack, vor allem, wenn wir uns ein halbes Dutzend Himbeerchen auf einmal in den Mund schieben: intensiv himbeerig, da kann man nicht meckern. Und zur Abwechslung, nur ein paar hundert Meter weiter im Wald: Guck mal, Heidelbeeren! (Hier riecht es auch schon zart pilzig, ist das ein gutes Zeichen?) Die Finger waren himbeerrot eingefärbt, nun kommt ein kräftiger Blauton dazu. Schreibtinte? Nicht ganz.

Und hier, das sind doch Walderdbeeren, oder? Aber dieses eng anliegende hellgrüne Krägelchen? Diese allzu perfekt runde Form? Und, sobald wir das lockende Rot zu greifen versuchen: Es lässt nicht los, nicht freiwillig, wir halten nur blassen Matsch zwischen den Fingern. Rätselhaft.

Wir finden heraus: Es handelt sich um eine Scheinerdbeere. Zwar nicht giftig, doch „geschmacklos bis bitter“. Oh, also wie viele der gut haltbaren Sorten, die es in diesem Jahr zu kaufen gibt (und, wie man vielfach lesen kann, die keiner kaufen möchte. Es wundert uns nicht).

Buchstäblich an jeder Ecke aber warten nun Kirschbäume, wilde und nicht wilde, behangen von oben bis unten in verschiedenen Stadien der Reifung. Das heißt, unten eher nicht mehr, denn es gibt Konkurrenz. Dort vorne zum Beispiel, die drei Teenager, schwarz gekleidet und mit einem Hauch Punk. Die umtänzeln einen großen Kirschbaum, recken sich, er muss gute Exemplare haben. – Oh ja, er hat gute Exemplare. Nun sind wir diejenigen, die sich verstohlen umschauen, ob jemand schaut.

Wir fühlen uns wie im Schlaraffenland. Dann fällt einer von uns ein, dass besonders viele Früchte auch ein Zeichen von Stress sind. Ein Zeichen, dass der Baum verzweifelt ist.

Auch interessant

Kommentare