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Kosmetik

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Von: Stephan Hebel

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Der Rat von Coco Chanel: „Die Natur gibt Dir das Gesicht, welches Du mit zwanzig hast. Es liegt an Dir, das Gesicht zu bestimmen, das Du mit fünfzig hast.“
Der Rat von Coco Chanel: „Die Natur gibt Dir das Gesicht, welches Du mit zwanzig hast. Es liegt an Dir, das Gesicht zu bestimmen, das Du mit fünfzig hast.“ © imago/ZUMA/Keystone

Sicher ist es auch dem älteren Herrn nicht verboten, sich mal einem „Face Mapping“ zu unterziehen. Was immer das ist.

Es ist zu spät, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wenn man seit 60 Jahren dasselbe Gesicht trägt, ist es schon rechnerisch unmöglich, dem Rat von Coco Chanel zu folgen. Er lautet, wie wir dem Schaufenster von „Beauty Skyline“ entnehmen: „Die Natur gibt Dir das Gesicht, welches Du mit zwanzig hast. Es liegt an Dir, das Gesicht zu bestimmen, das Du mit fünfzig hast.“

Sicher ist es auch dem älteren Herrn nicht verboten, sich mal einem „Face Mapping“ zu unterziehen, was immer das ist. (Die Kollegin H. sagt, das sei „eine Methode, um festzustellen, wie man aussieht“. Das klingt zunächst ein bisschen seltsam, ist aber natürlich nicht oberflächlich gemeint, sondern sozusagen porentief.) Anschließend könnte sich der ältere Herr dann noch ein Tiefenpeeling und solche Sachen gönnen, aber ehrlich gesagt: Wer fängt in diesem Alter noch an, das Gesicht zu wechseln?

Nur bei der „permanenten Haarentfernung“ könnte man ins Nachdenken kommen, hätte nicht bereits die Natur ihr Werk getan. Aber andererseits: Permanente Haarentfernung muss ziemlich nervig sein, mit permanentem Arbeiten, permanentem Verkehrslärm und permanenter Übermüdung ist man schließlich bereits einigermaßen ausgelastet.

Das Tolle an der „Philosophie“ (so nennt man heute alles, was von ferne nach einem Gedanken aussieht) von Coco Chanel ist aber folgendes: Zumindest den Jüngeren unter uns schenkt sie ein „Narrativ“ (so nennt man heute alles, was irgendwie nach einer Begründung für irgendetwas aussieht) für das Bedürfnis, seinen Körper (inklusive Gesicht) als eine Art Rohmaterial zu betrachten, aus dem man sich selbst nach seinem eigenen inneren Bilde formt.

Wenn wir also Coco Chanels Narrativ zu ihrer Philosophie richtig verstanden haben, handelt es sich bei dem Gesicht, das wir mit zwanzig haben, um eine Art naturgegebene Tatsache. Das Gesicht mit fünfzig ist dann, gehen wir häufig genug zu Beauty Skyline, seinerseits ein Körper gewordenes Narrativ, indem es nämlich die Philosophie, nach der wir leben, in tiefengepeelter Haut und wohlgeformten Bestandteilen nacherzählt.

Heute würde man eher sagen: Es ist ein postfaktisches Gesicht. Postfaktisch nennt man heute nämlich alles, was von Ferne irgendwie erfunden aussieht. Irgendjemand hat ja sogar die „postfaktische Gesellschaft“ erfunden, obwohl er offensichtlich so etwas wie „postfaktische Ideologie“ gemeint hat, und der Unsinn breitet sich gerade virengleich aus. Praktisch ist die Sache allerdings schon, denn wo keine Tatsachen sind, kann man sich sogar die Kosmetik sparen.

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