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Ich sehe es nicht, also existiert es nicht.

Times mager

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Erstaunlicherweise denkt der Mensch in vielen Lebenslagen, er sei nicht zu sehen, weil er sich selbst nicht sieht.

Es ist eine verrückte Sache, dass man sich selbst nicht sieht und darum denken kann, auch die anderen würden einen nicht sehen. Die Vogel-Strauß-Taktik hat ein Lebewesen ohne Spiral- oder Stielaugen schon in sich. Der Vogel Strauß stellt es bloß noch dümmer an, indem er sich auch noch selbst die Sicht nimmt. Vermutlich würden bei einer Straßenbefragung aber die meisten leugnen, dass sie sich gelegentlich für unsichtbar halten.

Nicht repräsentativ, aber markant die Situation von Schreibenden. Erstens hätten wir da Juli Zeh, die im Zusammenhang mit ihrem Roman „Unterleuten“ gerne berichtet, dass die Menschen in dem Ort, bei dem es sich um das sozusagen echte Unterleuten handelt (was könnte echter sein als das Roman-Unterleuten, aber egal), keine Ahnung von ihren Geschichten über Unterleuten haben. Und das sei nicht nur gut so, das sei auch der Grund dafür, dass sie überhaupt dort (im echten, sagen wir lieber im anderen Unterleuten) wohnen bleiben könne.

Zweitens hätten wir da Heinz Strunk, der für seinen Roman „Der goldene Handschuh“ im Goldenen Handschuh auf der Hamburger Reeperbahn recherchierte und den Willen und Eindruck hatte, sich dafür einfach unter die Kneipengäste zu mischen. Bei einem zufälligen Blick auf den Bierdeckel mit den Strichen für die Bestellungen habe er eines Tages festgestellt, dass er als „Schriftsteller“ geführt wurde.

Drittens hätten wir da den „Winterbienen“-Autor Norbert Scheuer, der sich für einen in seinem Heimatort Kall nahezu unbekannten Autor gehalten hatte und dies noch im September in einem Interview mit dem Brustton der Überzeugung gesagt hatte: Hier (in der Eifel) kenne ihn keiner. Damit das auch so bleibe, vermeide er es tunlichst, in und um Kall herum aufzutreten. Dann allerdings, erzählte er später in Frankfurt, habe er es im Zuge der Nominierung für den Deutschen Buchpreis doch getan, bei einer Veranstaltung in der Nähe, zu der sich eine unfassbar große Menge Publikum eingefunden habe.

Viertens können wir uns an die eigene Nase nicht der Autorin, aber doch der Berufsschreiberin fassen. In jenen Momenten, in denen wir denken: Beim Friseur in Soundso wird schon keiner die FR lesen.

Die Beispiele zeigen, dass Juli Zeh bisher einfach Glück hatte, und sie zeigen außerdem, dass die Menschheit diskreter ist, als ihr oft unterstellt wird, jedenfalls, sofern sie sich im Goldenen Handschuh oder in der Eifel befindet (beim Friseur war es nicht ganz so diskret). Sie erinnern aber zugleich daran, dass es nichts Falsches oder Unwahres haben muss, wenn wir nicht alle alles übereinander wissen. Weder Arglistiges noch Bloßstellendes steht hier zur Rede.

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