Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Und wo befindet sich das Publikum? Hier vorm Festspielhaus von Bayreuth, recht selbstgenügsam: Thomas Gottschalk mit einem Fan bei einer Selfie-Aufnahme.
+
Und wo befindet sich das Publikum? Hier vorm Festspielhaus von Bayreuth, recht selbstgenügsam: Thomas Gottschalk mit einem Fan bei einer Selfie-Aufnahme.

Times mager

Konsum

Der Bariton Christian Gerhaher warnt eindringlich davor, das Publikum da abholen zu wollen, wo es sich gerade befindet. Das liest man nicht oft.

Zwischen den erwachsenen Handyspielfreunden und dem tapferen kleinen Kind, das bei der Wortfindungsübung im Vorschullernheft ausgerechnet das ungemein in der Mitte stehende Wort „Schule“ nicht zu packen bekommt, liest sich eine Wendung des Baritons Christian Gerhaher wie ein Knaller. „Es ist ganz wichtig, dass man das Publikum nicht da abholt, wo es sich gerade befindet.“ Sie stammt aus dem anscheinend phänomenal interessanten Interviewbuch „Halb Worte sind’s, halb Melodie“ (dazu demnächst mehr) und leuchtet in einer morgendlichen Bahn in höchstem Maße ein. Wenn Gerhaher, und das ist anzunehmen, auch sagen wollte, dass Kultur (er spricht von „Hochkultur“), sich am Ende von der Oberfläche der Dinge unterscheiden muss: Im Vias um 8.02 Uhr nimmt es Gestalt an.

Gerhahers etwas unpädagogische, freilich auch in einem unpädagogischen Zusammenhang ausgesprochene, trotzdem aber am Ende sogar außerordentlich pädagogische Wendung leuchtet auch in zumindest hohem Maße ein, wenn zwei fidele Zuhörerinnen sich während der Sommeraufführung einer vorzüglichen Oper unverdrossen der populärsten Arie des Werks entgegenplappern. Die eine weiß ungefähr, wann die Arie kommt – um den Dreh herum, als sich der Tenor in einem waghalsigen Ad-hoc-Einfall der Regie kurz ins Bett gelegt hat. Dann fällt ihm wieder ein, dass heute Nacht keiner schläft, und er steht wieder auf.

Es muss furchtbar sein, an einem langen Opernabend auf eine einzige, ungemein kurze Arie zu warten und nichts von dem mitzubekommen, was in den Stunden zuvor geschah. Ungefähr so verhielt es sich damals beim Marillion-Konzert um 1986 herum, bei dem es in Wahrheit ausschließlich um das Lied „Kayleigh“ ging. Es gibt wenig Grauenhafteres als stundenlange Musik für eine Drei-Minuten-Freude. Gewissermaßen rächt sich die Kultur, egal wie hoch sie ist, auf diese Weise bei denen, die es sich ganz bequem und einfach mit ihr machen wollen. Dass man es sich selbst mit Marillion zu einfach machen kann: Wer hätte das gedacht, aber es ist so.

Interessant übrigens: Ein Buchhändler in Michigan nimmt jetzt das neue Buch von Harper Lee zurück, „Gehe hin, stelle einen Wächter“, wenn es dem Kunden nicht gefällt. Der Ladeninhaber geniert sich offenbar für das heftige Marketing und empfindet es als Mogelei. Allerdings hat unseres Wissens nach noch kein Süßwarenverkäufer die Schokoriegel zurückgenommen, die auf der Packung so glänzen und eindeutig mehr Cremefüllung enthalten. Kultur ist mächtig empfindsam.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare