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In vielfacher Hinsicht ein Kompromiss: Die Leipziger Universitätskirche.
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In vielfacher Hinsicht ein Kompromiss: Die Leipziger Universitätskirche.

Times mager

Kompromisse

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Gäste aus der Stadt mit der neuen Altstadt können im Leipziger Paulinum anschauen, wie man es auch machen kann.

Kompromisse finden sich in der neuen Leipziger Universitätskirche, dem Paulinum. Im kirchlichen Teil wurden etliche schwer beschädigte Epitaphe aufgehängt, die vor der von der SED befohlenen Sprengung des alten Baus in der DDR 1968 gerettet werden konnten, gerettet werden durften. Das heißt: binnen Tagen in aller Eile und selektiv abmontiert und in Lastwagen weggefahren, um unter konservatorisch bizarren Umständen auf bessere Zeiten zu warten. Dass auch für Epitaphe bessere Zeiten kommen können: welch ein unerwarteter Trost im November 2021.

Zuerst sieht man die Schönheit und die Pracht vor schneeweißer Wand – in dem nach Entwürfen des Architekten Erick van Egeraat gebauten, durchgefeilt wirkenden Raum –, schon macht es Ah und Oh, das viele Gold, der Alabaster, die Farben, die kunstvollen Figuren. Dann dauert es – und wenn das Auge eine besonders lange Leitung hat, reagiert es überhaupt erst auf den Fingerzeig des anwesenden Experten –, bis man sieht, dass dieser Kopf des Herrn Jesu oder jene Menschengruppe merkwürdig flach sind, nämlich bedruckte Aluminiumprothesen. Es fehlt auch einiges, aber wesentliche Elemente wurden vorzüglich unterscheidbar hinzugefügt.

Sie können sich vorstellen, warum einen das von Frankfurt aus, Frankfurt mit seiner neuen Altstadt, seinem schmucken Römer und seiner Paulskirchendebatte, besonders interessiert: dass messerscharfe Unterscheidungen zwischen Lug und Original möglich sind, und das Ergebnis im Ganzen trotzdem bildschön sein kann. Die eilig fotografierende Reisegruppe wird noch zu Hause Gelegenheit haben, den Ersatzjesuskopf zu entdecken. Wie im Krimi verspätet der Fuß einer Leiche auf der fotografierten Wiese auffällt. Denn wenn man die Prothesen erst einmal sieht, stellt sich der Raum anders dar, der Irrsinn wurschtiger Kulturzerstörung wird offenbar.

Dass das Gebäude in vielfacher Hinsicht ein Kompromiss ist, zeigt sich auch an der Zweiteilung, vorne Kirche, hinten Universitätsaula. Die zu öffnende Glaswand hat konservatorischen Charakter, lenkt aber zudem den Blick nach oben, wo der Architekt einen Spalt bereits eingeplant hat. Auf der anderen, der Aulaseite: kein Hauch von konfessionellem Interieur, freilich eine schwelende Diskussion darüber, ob die restaurierte Kanzel doch noch an einem der schneeweißen Pfeiler auf dieser Seite untergebracht werden darf. Als zufriedenes Mitglied der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau würde ich sagen: nein, natürlich nicht, denn das ist die Verabredung. Das Ganze ist ja auch ein Beispiel dafür, dass Kompromisse nichts Lasches und Einfaches, sondern etwas Krasses und Aufregendes sind.

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