+
Auch in Louis Malles „Komödie im Mai“ von 1990 fragen sich viele Menschen, wie es danach weitergehen soll, und kommen zu keinem Ergebnis.

Times mager

Komödie im Mai

  • schließen

Mehl, sagt Camille Vieuzac, kann man immer brauchen: Zeitschichten beim DVD-Gucken. 

Jede Krise hat ihre eigenen Gesetze, aber es fällt schon ins Auge, dass Camille Vieuzac ausgerechnet Mehl mitgebracht hat, denn das, sagt sie, könne man immer brauchen. Auch Zucker hat sie dabei, dies soll hier nicht verschwiegen werden, der Vollständigkeit halber und auch auf die Gefahr hin, dass es in deutschen Lebensmittelgeschäften daraufhin zu einem entsprechenden Engpass kommt. Camille Vieuzac backt nachher einen offenbar ausgezeichneten Kuchen. Einige Familienmitglieder hängen ständig am Radio, denn hier ist es zwar still, und die Vögel zwitschern, und die Sonne scheint ohne Unterlass, aber dort in der Ferne bahnt sich Dramatisches an. Der Kontrast zwischen dem nur durch einige Familienkabbeleien unterbrochenen Frieden auf dem Lande und der existenziellen Situation in Paris ist so enorm wie der Kontrast zwischen Tod und Leben. Ohne Arg tanzt die Familie eine Polonaise auch um die aufgebahrte Mutter, Großmutter und Urgroßmutter herum. So ist der Mensch, er ist zu Mitleid und Traurigkeit befähigt, und dann lebt er doch so gerne und ist so froh darüber, dass er lebt.

Beim Picknick, dem sich ein sexistischer, aber trotzdem ziemlich sympathischer Fernfahrer angeschlossen hat, der mit seiner Tomatenladung hängengeblieben ist – es gibt also Camilles Kirschkuchen und dazu noch massenweise Tomaten, offenbar recht gute, man wird sich bei nächster Gelegenheit einen großen Beutel davon einkaufen müssen, also in vernünftigen vier Tagen –, erzählt Pierre Allan von der ungewöhnlichen Situation in Paris. Wie ruhig es ist ohne Verkehr, wie herrlich das Wetter, wie sich die Menschen in den Armen liegen.

Und erst da wird wieder offenbar, dass das alles nur Kintopp ist. Ja, stimmt, es waren auch die ganze Zeit über viel zu viele Menschen viel zu nah beieinander. Dennoch ein hinreißender Film, Louis Malles „Komödie im Mai“, in der sich im unruhigen Sommer 1968 (aus der Sicht von 1990) ebenfalls viele Menschen fragen, wie es danach weitergehen soll, und zu keinem Ergebnis kommen. Die Figuren sind betroffen, aber zugleich liegen sie schlapp unter einem riesigen Baum, essen, trinken und flirten sich penetrant an. Und, faszinierend, bedenklich: Vom alten, friedfertigen, bescheidenen Nichtsnutz (Michel Piccoli!) bis zum stürmischen linken Studenten wollen sie ganz am Ende alle, dass es so bleibt, wie es ist. Unterm Baum liegen, essen, noch ein bisschen weiterleben.

Erst als in der Nacht jedoch um vier Uhr eine Eule rief wie im Film – Piccoli hört vor Schreck auf zu weinen –, wurde es wirklich gespenstisch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion