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Komma

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Von: Stephan Hebel

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Die richtige Bedeutung des Kommas muss geehrt werden.
Die richtige Bedeutung des Kommas muss geehrt werden. © iNc

Wer das Komma nicht ehrt, ist der richtigen Bedeutung nicht wert. Gedanken zu einem kleinen Zeichen.

Kollege H. erzählte, er habe in dem Roman-Erstling von Edgar Selge, den er insgesamt für ein bewegendes Meisterwerk halte, eine besonders bedrückende Szene gelesen. Bereits an dieser Stelle möchten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um etwas bitten: Schauen Sie sich bitte den ersten Satz dieses Textes noch einmal an und genießen Sie das Komma hinter dem Einschub, der mit „… Meisterwerk halte“ endet.

In der Szene, von der Kollege H. sprach (Achtung, jetzt folgt ein Komma), ging es darum, dass der zwölfjährige Edgar von seinem Vater in lateinischer Grammatik abgefragt wurde. Mit großer Meisterschaft im Spannungsaufbau, aber ohne zu übertreiben (Komma), schildere Selge den Verlauf des väterlichen Verhörs, der den Jungen immer unsicherer mache, was zwangsläufig zu Fehlern und dann zu heftig ausgeführten und so schmerzhaften wie demütigenden Ohrfeigen führe.

Nun rasch zurück zum Thema „Komma“. Am Ende werden Sie erfahren, was das mit der Latein-Tortur des jungen Edgar zu tun hat.

Also: Am Ende eines Einschubs, der mit einem Komma beginnt, steht ebenfalls ein Komma. Das gilt auch für eingeschobene Nebensätze. Sollte es jedenfalls, tut es aber immer häufiger nicht (Komma!), und niemand weiß, wie sich diese Unsitte in die Schreibpraxis selbst seriöser Medien eingeschlichen hat, Namen wollen wir hier nicht nennen.

Das Fehlen des Kommas lässt Sie, wenn Sie erst einmal darauf achten, die Schönheit dieses Satzzeichens erst richtig spüren. Denken Sie sich einfach einen Satz aus, zum Beispiel diesen: Niemand wird Ihnen jemals mehr Glück bringen, das können Sie ruhig glauben, als Ihr Schornsteinfeger. Alles klar? Ein wunderbar strukturierter, Ihren Lesefluss durch artig gesetzte Kommata genau an den richtigen Stellen kurz unterbrechender Satz.

Und jetzt folgt er noch einmal, aber nach Art der Komma-weg-Marotte: Niemand wird Ihnen jemals mehr Glück bringen, das können Sie ruhig glauben als Ihr Schornsteinfeger. Wie bitte? Sie als Ihr eigener Schornsteinfeger können das ruhig glauben? Und mehr Glück als wer, bitte, wird Ihnen niemand jemals bringen? Oder ist etwa gemeint, dass Ihnen niemand mehr jemals Glück bringen wird? Ist es das, was Sie als Ihr Schornsteinfeger glauben sollen?

Kollege H. erzählte dann die schöne Geschichte von seiner Familie, in der es auch relativ harte Latein-Verhöre gegeben habe, allerdings ohne körperliche Gewalt. Einmal habe der Sohn beim Aufschreiben der Übersetzung einen Fehler gemacht, und der Vater habe ihn laut korrigiert: „Komma!“ Worauf die Mutter sofort ins Arbeitszimmer geeilt, aber nur sehr kurz geblieben sei.

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