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Kollektiv

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Von: Lisa Berins

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Temperaturen wie in den Tropen machen vielen Menschen gesundheitlich zu schaffen.
Die Kraft der Gemeinschaft: in! © Marius Schwarz/imago

Alleingänge sind out. Heute zählt die Superkraft des Gemeinschaftlichen.

Derzeit sehr angesagt: Kollektive. Wenn du die Welt retten willst, gründe ein Kollektiv. Kein einsamer Held, kein Superman, der uns retten kann. Nein, er käme gegen die geballte Kraft eines modernen, aktivistischen Kollektivs gar nicht erst an. Die Zeit der Alleingänge: out! Die Kraft der Gemeinschaft: in!

Moment. Sie finden, das ist bloß wieder eine hippe Erfindung dieser Hyperwoken? Sie fragen sich: Was macht die angebliche Superkraft eines Kollektivs denn aus? Ist sie lediglich eine Summe von Skills – oder gibt es da ein unbestimmtes „Mehr“? Was verbindet die Mitglieder? Wer darf mitmachen, wer nicht? Gibt es ein gemeinsames Ziel? Wer gibt es vor? Darf überhaupt irgendjemand irgendetwas vorgeben? Wer übernimmt was – und um welche Aufgaben geht es noch gleich? Mit anderen Worten: Ähm. Hä?

Fakt ist: Kollektive sind derzeit überall. Sie kuratieren große Kunstausstellungen, leiten Theatertreffen, und wer weiß, wo sie sonst noch überall ihre Finger im Spiel haben. Was also können sie, was eine einzelne Person nicht kann? Und … ist es erfahrungsgemäß nicht eher problematisch, wenn eine Gruppe von Menschen etwas gemeinsam anpacken will, zumal etwas Großes, Utopisches?

Jeder Mensch hat ja seine eigenen Vorstellungen davon, was genau eine bessere Welt sein soll. Den Regenwald vor Abholzung durch Sojaanbau schützen oder Sojaprodukte essen und Tierleben schützen. Und wir kennen das alle von Vereinssitzungen: Unter dem Deckmantel des Gemeinschaftlichen lauern haufenweise Individualist:innen, die ungern die eigenen Interessen für das Gemeinwohl aufgeben. Eine Ansammlung von Egoistinnen und Soziopathen, Besserwisserinnen und Verweigerern. Wie soll durch ihr Zusammenwirken eine Superkraft entstehen?

Die Documenta, eine Art Spitzentreffen der Kollektive, will das zeigen. Es geht ums gemeinsame Träumen, Denken, Anpacken, ums Gewinnen durch Teilen; „Lumbung“. Alles läuft herrschaftsfrei ab und ein bisschen hippiesk. Es ist nicht organisiert, dafür geplant planlos. Es lebt von der Kraft des Chaos. In dem Ideen so lange Pingpong spielen, bis irgendwer irgendwann mit irgendwas anfängt, einem Workshop oder so. Und wenn etwas schiefgeht, trägt keiner die Verantwortung, oder es ist zumindest niemand auffindbar, der verantwortlich sein könnte, und ohnehin wissen alle nicht, was ihr Kollektiv dazu sagt, weil es ja planlos ist … So, was war jetzt mit der Weltrettung? Na ja, ich weiß auch nicht. Fragen Sie doch mal wen anders. Diesen Typ da hinten. Genau, den mit dem roten Umhang.

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