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Neapel, Schauplatz der Romane von Elena Ferrante.
Neapel, Schauplatz der Romane von Elena Ferrante. © imago stock&people

Jetzt weiß man also, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, vermutlich. Na und?

Einiges spricht dafür, dass es einem italienischen Enthüllungsjournalisten gelungen ist herauszufinden, wer sich hinter dem erfolgreichen Schriftstellerinnen-Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Der Name der italienischen Übersetzerin war im Zuge der Spekulationen um Ferrantes Identität schon gefallen. Den italienischen Enthüllungsjournalisten führten nun anscheinend unter anderem die mit den Verkaufszahlen der Ferrante-Romane erheblich gestiegenen Verlagsüberweisungen auf ihre Spur. Keine Übersetzerin verdiene so viel Geld, so der Mann, und hat in diesem Punkt sicher recht – was nicht heißt, dass es ihn etwas angeht, wenn sich eine Übersetzerin Immobilien kauft. Als weiteres krimieskes Indiz führt er an, dass sie mit Christa Wolf gut bekannt war, deren Werk in Ferrantes Büchern eine wesentliche Rolle spiele. Noch mehr Krimi: Wolf-Enkelin Jana Simon habe ihm mitgeteilt, sie wisse, dass Ferrante Christa Wolf schätze. Aber woher, so der Kommissar, nein, Enthüllungsjournalist, könne sie das wissen, wo doch Ferrante selbst in ihren raren Interviews nie etwas dazu gesagt habe?

Ein kleiner, von der Übersetzerin und ihrem italienischen Verlag zunächst nicht kommentierter Scoop – wenn ich sie wäre, würden sie eh schweigen wie ein Grab –, und als solcher auch präsentiert. Zeitungen bzw. Internetpublikationen in vier Ländern veröffentlichten den Enthüllungsbericht gleichzeitig, in Deutschland die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Fortsetzung folgt, kündigt FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus in einer flankierenden Spalte schon an, dann mit Details aus dem Leben der Übersetzerin, deren Mutter demnach eine in Worms geborene, nach Italien emigrierte Jüdin ist.

Jetzt gehört man selbst möglicherweise zu denen, die sich lieber vorstellen, dass Enthüllungsjournalisten Schurken jagen und nicht schreibende Personen, die für sich bleiben wollen – oder sagen wir: die Kontrolle darüber behalten, wann sie wem was sagen, denn natürlich hat Elena Ferrante mit ihrer Anonymität gespielt (und tut es vielleicht, hoffentlich noch). Folgerichtig können nun etliche Leser und Internetnutzer den italienischen Enthüllungsjournalisten gar nicht mehr leiden. Aparterweise verhält er sich gegenüber Elena Ferrante ungefähr so übergriffig, wie es die Männer etwa in ihrem Roman?Meine geniale Freundin? zu tun pflegen.

Das Dollste ist aber, dass es in Wirklichkeit nicht rasend interessant war, wer Elena Ferrante ist. Interessant war, darüber nachzudenken. Krimifreunde wissen am besten, dass die Lösung in 60 Prozent der Fälle eine winzige Ernüchterung darstellt.

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