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Freddy und Winnie hatten einen guten Rat für ihr Herrchen.

Times mager

Knack

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Die Feuilleton-Kolumne über Hühner, die mehr als Eier legen können. Und über den allerbesten Corona-Song.

Was heißt hier dämlich, aber froh? Ein Huhn hat durchaus seine Pflichten und Fähigkeiten, auch abseits der Reproduktion. So war erst am vorigen Wochenende ein freilaufendes Exemplar dabei zu beobachten, wie es auf einen Pfahl flog, jawohl, flog, selbst wenn alle Welt denkt, das Huhn könne bloß gackern. Hähne krähen ihrerseits nicht nur in der Frühe, sie krähen wann und wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, solang sie wollen, besonders wenn die Nachbarn eine Mütze voll Mittagsschlaf zu nehmen gedachten. Und: Hühner bringen ihren Küken noch im Ei die ersten Laute bei.

Dies zur Information, denn in unserer gegenwärtigen Lage (Arbeit zu Hause) scheint kaum etwas plausibler, als zu singen: „Ich wollt, ich wär ein Huhn/Ich hätt nicht viel zu tun/Ich legte täglich nur ein Ei/Und sonntags auch mal zwei“, aber vor allem: „Ich müsste nie mehr ins Büro/Ich wäre dämlich, aber froh.“

Stand jetzt dürfte es jedoch darauf hinauslaufen, dass wir Arbeitnehmer als Hühner nur dämlich würden und noch nicht mal fliegen oder ein Ei legen könnten, geschweige zwei. Wir müssten nie mehr ins Büro. Punkt. Basta. Mehr spränge für uns bei der Sache nicht heraus.

Als Corona-Song der Stunde taugt der Titel mit dem Huhn auch nur bedingt; er wurde 1936 in dem Film „Glückskinder“ berühmt. Dessen Stars vor und hinter der Kamera hatten ihre Erfolge in den dunklen Jahren, einzig Sängerin Lilian Harvey setzte sich bald nach Frankreich ab und pfiff auf die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihr die Nationalsozialisten daraufhin nahmen.

Der Corona-Song, über den jeder spricht, ist daher nach wie vor und völlig zu Recht: „My Sharona“ (1979) von der US-Band The Knack. Er reimt sich einfach besser als etwa „Lola“ (Kinks, 1970) oder „Macarena“ (Los del Rio, 1993). Die knackigen Herren erfreuen sich zurzeit wieder großer Beliebtheit. Leider sind der Schlagzeuger und auch der Sänger verstorben. Gitarrist Berton Averre verweigert daher eine Version, in der er selbst den ans Virus angepassten Refrain sänge: „Ihr wollt nicht hören, wie ich das krächze.“

Stattdessen lädt er die Fans per Youtube-Video zu sich nach Hause ein, stellt seine hinreißenden Hunde Freddy und Winnie vor und spielt (auf ihren Rat hin) das Original-Solo aus „My Sharona“, ein langes, jagendes Solo, und jede Note genau wie vor 41 Jahren. Am Ende des Ritts reinigt er die glühenden Seiten mit Spray und Lappen im Takt, ehe zum großen Finale der Bassist Prescott Niles zugeschaltet wird. Beide singen: „Oooooh, aaaaah! Bye, Corona!“ Worauf Averre hinterherschnoddert: „Get the hell outta here!“ Und jetzt raus hier.

Schon ein stärkeres Statement, als nur ein Huhn sein zu wollen.

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