1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Die Kluge

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

"Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt."
"Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt." © imago

Carl Orffs Erfolgsoper wurde vor 75 Jahren in Frankfurt uraufgeführt. Was sagten die Deutschen 1943 dazu?

Heute vor 75 Jahren wurde in Frankfurt die Oper „Die Kluge“ von Carl Orff uraufgeführt. Merkwürdig ist sie aus mehreren Gründen, außerdem ein ausgefeilter, auf den ersten Blick leicht verständlicher, auf den zweiten schillernder Scherz. Bis heute verwirrt, dass sie so volkstümlich tut und zugleich eine unheimliche Verhohnepiepelung von Volkstümlichkeit ist. Dazu dieser erhebliche instrumentale Aufwand.

Vor allem aber – und hier kommt es zum merkwürdigen Teil – kann man sich schwer vorstellen, wie die teils frechen, teils wahrlich anklagenden Sätze über die Schlechtigkeit der Welt und ihrer Mächtigen im Jahre 1943 in Deutschland aufgenommen wurden. 1. nämlich erklärt der Bauer, der böse aufs Kreuz gelegt wird: „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt.“ 2. singen drei Strolche fulminant den Song „Als die Treue ward geboren (lalalala la la la)“, dessen Text zwar historisch verbürgt ist, aber dessen Pessimismus in jedem Zeitalter einen eigenen Dreh haben wird (von Orff scheint übrigens der überwältigende Imperfekt „blus“ zu sein, in: „der Jäger blus sie in den Wind, lalalala la la la“). 3. kommen die Strolche anschließend gänzlich vom Thema ab (das Thema ist die Klugheit der Klugen, die Dummheit der anderen und nicht definitiv die Liebe) und jammern u. a.: „Veritas ist gen Himmel flogen, Treu und Ehr sind übers Meer gezogen, Tyrannis führt das Szepter weit“ sowie „Tugend ist des Lands vertrieben, Untreu und Bosheit sind verblieben“.

Dem ist an Deutlichkeit im Prinzip nichts hinzuzufügen, außer dass „Die Kluge“ gleichwohl in Frankfurt erfolgreich war und gleich vielfach nachgespielt wurde. Michael A. Kater recherchierte in den Neunzigern für seinen Aufsatz „Carl Orff im Dritten Reich“ immerhin: In Breslau habe es eine Rüge von der NS-Gauzeitung gegeben. In Kassel habe die HJ während der Generalprobe demonstriert. In Göttingen hingegen sei es studentischerseits zu „brausendem Gelächter“ und Beifall gekommen.

Nachkriegsdeutschlands Oper liebte „Die Kluge“, liebte auch Carl Orff, dem es – anders als die entnazifizierenden Amerikaner – seine nun in aller Munde befindliche „Unbotmäßigkeit“ unbedingt abnahm (sich selbst ja auch). Das lag im Besonderen eben an der „Klugen“, an der eine Kindheit in den siebziger Jahren noch nicht vorbeikam. Interessant bis heute die Frage, wie jemand so bescheuert sein kann, in ein Jägerhorn zu kriechen. Labsal, Freude und Ansporn bis heute der Satz: „Oh, hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt.“

Auch interessant

Kommentare