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Klicke-di-klick

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Von: Sylvia Staude

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Ein Klicken aus längst vergessenen Zeiten? Auch heute noch wird gestrickt, sogar in der S-Bahn.
Ein Klicken aus längst vergessenen Zeiten? Auch heute noch wird gestrickt, sogar in der S-Bahn. © imago

Sie redete und klackerte und klackerte und redete: Ein Geräusch in der Bahn erinnerte an längst vergangene Zeiten.

Wie lange war es wohl schon da, das leise Klackern? Metall auf Metall, aber hell und munter. Ein unbeschwertes, ein emsiges Klicke-di-klick, Klicke-di-klick, Klicke-di-klick, an Erinnerungen rührend. Der Literaturprofessor einst gestört, verwirrt, dann wütend, weil in seiner Joyce-Vorlesung zwei Studentinnen ungerührt klicke-di-klickten, ausgerechnet, als es um den Monolog Molly Blooms ging, der ihn – oder bildete man sich das nur ein? – sowieso schon in Verlegenheit brachte. Die abendliche WG-Runde einst gar nicht denkbar ohne einträchtiges Klicke-di-klick, Klicke-di-klick. Die WG-Runde verschwörerisch kichernd, nachsichtig kichernd, wenn ein Mann erklärte, er werde es sich beibringen lassen. Dazu würde es nicht kommen – wetten?

Und nun plötzlich in der S-Bahn. Es dauerte, bis das muntere Geräusch ins Bewusstsein drang. Bis der Blick sich vom Handydisplay hob, vom Mail-Eingang löste. Ja, tatsächlich, da saß eine junge Frau und strickte. Und verband nun flink eine alte Kulturtechnik mit einer jungen Kulturtechnik, stellte nicht mehr nur analoge Fadenverbindungen her, sondern auch virtuelle, redete und klackerte und klackerte und redete, Multitasking kein Problem. So wie es einst kein Problem gewesen war, über die Jungs zu spotten und zu kichern und deswegen gewiss keine Masche fallen zu lassen. Oder „Tatort“ zu gucken, während der Schal für den Freund wuchs – und ganz bestimmt fertig werden würde bis Weihnachten.

Jahre vorher noch war die Handarbeitslehrerin nicht zu Unrecht misstrauisch geworden angesichts vieler Zentimeter tadelloser Gleichmäßigkeit, in Hausaufgabe erledigt. Geduldig trennte die Großmutter das im Schulunterricht entstandene Zu-fest-zu-locker-Geholper wieder auf.

Die junge Frau in der S-Bahn ist zum Fachsimpeln übergegangen. Holznadeln? Sind blöd, wirklich blöd, weil sie nicht rutschen. Jedenfalls nicht richtig. Die Wolle der Firma XY? Hm, na ja, komische Farben irgendwie. Aber der letzte Pulli, dieses tolle Aubergine, das war Wolle eines anderen Herstellers, die kratzt nun plötzlich, kannst du dir das vorstellen?

Und ob der C. (es fällt ein männlicher Vorname) zum nächsten Treffen kommt? Oder ob er seine Nadeln schon wieder an den Haken gehängt hat? Die junge Frau kichert (das entsprechende Kichern am anderen Ende muss man sich vorstellen), guckt einen Moment aus dem Fenster der fahrenden Bahn und lässt deswegen gewiss keine Masche fallen.

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