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Kleiner Regen

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Von: Sylvia Staude

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Herrlich! Regentropfen.
Herrlich! Regentropfen. © Imago

Tagelang warten. Wochenlang warten. Und dann passiert es ausgerechnet nachts.

Tagelang gewartet. Wochenlang gewartet. Bei jeder hellgrauen Wolke auf dem Balkon gestanden und diese – also die hellgraue Wolke – hypnotisiert. Die hellgrauen Wolken machten nur: pfft. Dunkelgraublaue gab es keine, nicht im Norden, Süden, Osten, Westen. Nicht am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag usw.

Dann war in der Wetter-App ein Gewitter angekündigt, mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Wieder gewartet, hoffnungsvoller als zuletzt. Wieder vergeblich gewartet. Könnte sein, dass an diesem Tag im Nachbarort ein zehnminütiger Schauer runterging, dort sah der Himmel tatsächlich gewitterdunkel aus.

Einen Augenblick waren wir versucht, die im Nachbarort wohnende Freundin anzurufen, um zu fragen: Hat es bei euch etwa geregnet? Doch Angst gehabt, dass man einen vorwurfsvollen Ton anschlagen könnte, als verdächtige man die Freundin des Wolkenklaus. (Ist es so unplausibel, dass Ortschaften sich zusammentun könnten zum Wolkenklau? Hat man nicht gerade erst gelesen, dass in China versucht wird, die Wolken gleichsam zu „impfen“? Wird man das Wort „impfen“ bald mit etwas ganz anderem verbinden als der Impfung gegen Corona? Und gegen was protestieren dann die „Impfgegner“? Wird also Verwirrung herrschen?)

Wieder gewartet, während aus der Wetter-App eine dicke, runde, gelbe Sonne grinste. Allenfalls konnte man sie sich ein wenig umschleiert wie Salome vorstellen, auch wenn sie nicht tanzte, nur flirrte. Allenfalls brannte es einem beim Spazierengehen zwischen den Feldern mal ein paar Minuten nicht aufs Hirn. Weitergescrollt auf Dienstag, Mittwoch ... Das darf doch nicht wahr sein.

Dann waren in der Wetter-App Schauer angekündigt, sogar im Rhein-Main-Gebiet, mit mehr als 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Schauer, wie ermutigend frisch das klang. Wir stellten uns auf den Balkon und riefen den Bäumen und Stauden zu: Haltet durch! Dies natürlich nur in Gedanken, denn wenn Pflanzen unsere Sprache verstehen, dann können sie auch Gedankenlesen.

Am Tag, als die Schauer angekündigt waren, fiel: kein Tropfen. Wir fühlten uns noch mieser als ohnehin schon, denn hatten wir den Bäumen und Stauden nicht Hoffnung gemacht? Falsche Hoffnung, wie sich jetzt herausstellte. Wir beschlossen, in Zukunft nicht mehr so voreilig und auch nicht mehr so gutgläubig zu sein.

Gestern früh sind wir aufgestanden, schauten raus, die Straßen waren nass (nun ja: angefeuchtet) – und wir hatten ihn verschlafen. Den kleinen Regen. Wie gern hätten wir jeden Tropfen begrüßt. Ihn dabei gebeten, seiner großen Familie Bescheid zu sagen: Dass wir sie bestimmt begrüßen werden mit den Worten: Was für ein schönes Wetter!

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