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Die Reclam-Heftchen sind aus dem Buchhandel nicht wegzudenken.

Times mager

Kleine gelbe Heftchen

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Das Reclam-Heftchen sieht seinem 150. Geburtstag entgegen. Höchste Zeit, mit dem Feiern anzufangen.

Zuerst ist das Reclam-Heftchen das Teil, in dem „Wilhelm Tell“ steht. „Wilhelm Tell“ ist nichts für Kinder, wird aber in der Schule durchgenommen, wo dann alle über die Axt lachen, die im Haus den Zimmermann ersetzt. Sie haben den Eindruck, der Autor habe aus Sprichwörtern ein mittelmäßig spannendes Stück montiert.

Plötzlich ist das Reclam-Heftchen rosarot, dann ist es Doris Lessings „To Room Nineteen“. Auch Doris Lessings „To Room Nineteen“ ist nichts für Kinder, wird aber ebenfalls in der Schule durchgenommen. Die einen spielen jetzt Galgenmännchen auf dem wie dafür gemachten Umschlag. Die anderen stellen sich erstmals die Frage, ob das Leben ihrer Mutter optimal verläuft. Und ob ihr eigenes Leben optimal verlaufen wird.

Dann werden die Reclam-Heftchen dicker und zu kleinen gelben Quadern. Auf einmal passt Ludwig Tiecks „Sternbalds Wanderungen“ hinein (Kategorie 5 Kästchen), sogar sein „William Lovell“ (8 Kästchen!). Finanziellen Engpässen zum Trotz ist das meistenteils erschwinglich.
Dann sind Reclam-Heftchen die Buhmännlein in allen anständigen Stadttheateraufführungen. Faust und Posa beugen sich über das Heftchen, ärgern sich über ihren Text - überhaupt dieser Text immer, alles soll man so sagen, wie es im Reclam-Heftchen steht. Faust und Posa machen eine wegwerfende Handbewegung, und wegwerfende Handbewegungen können einem Reclam-Heftchen gefährlich werden. Die Ecken einer Theaterbühne müssen gefüllt sein mit hineingepfefferten Reclam-Heftchen.

Dann werden ernsthaft Bücher angeschafft. Auch ernsthafte Bücheranschaffungen können einem Reclam-Heftchen gefährlich werden. Eine propere Schiller-Ausgabe ersetzt sie regelrecht, und eigentlich schafft es nur Tieck, um das Schlimmste herumzukommen. Dafür wird es um Tieck irgendwie - still.

Dann spricht sich herum, dass Klassiker eh im Internet stehen.

Dann zeigt sich, dass Klassiker im Internet extrem unbequem zu lesen sind. Dann zeigt sich, dass die schmucke Gesamtausgabe auch nicht gerade bequem zu lesen ist. Dann fällt auf, dass die Reclam-Heftchen, die die vergangenen Jahre überlebt haben, sogar außerordentlich bequem zu lesen sind. Sie wiegen fast nichts, enthalten aber im Idealfall genau 1 Portion Literatur. 1 Stück. 1 Roman.

Dann gibt es das Reclam-Heftchen seit 150 Jahren. Im November. Höchste Zeit, mit dem Feiern anzufangen.

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