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Kleine Fische

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Von: Daniel Kothenschulte

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Es liegen nur wenige hundert Meter zwischen dem Polizeipräsidium in Köln und dem Treffpunkt prespektivloser junger Männer in Kalk.
Es liegen nur wenige hundert Meter zwischen dem Polizeipräsidium in Köln und dem Treffpunkt prespektivloser junger Männer in Kalk. © imago/Horst Galuschka

Irgendwann fing ich an zu rennen, so schnell ich konnte. Er hinterher. Von "Trickdieben" in Köln.

Die vertraute Frauenstimme aus dem Bahnhofslautsprecher klingt an diesem Freitagmorgen plötzlich unheimlich: „Es sind Trickdiebe unterwegs. Bitte achten Sie auf Ihre Handtaschen und Wertgegenstände.“ Trickdiebe. Eine Woche nach der Silvesternacht ist dieses Wort im Kölner Hauptbahnhof nur noch ein schamloser Euphemismus. Mit Schönreden kennt man sich in dieser Stadt ja aus. Wie hatte es am Neujahrstag im Polizeibericht geheißen? „Die Einsatzlage gestaltete sich entspannt.“

Nun sieht der lange Gang zwischen Gleis 1 und Gleis 12 auf einmal anders aus. Hier also wurden Frauen gejagt, eingekesselt, begrapscht und ausgeraubt, und wenn sich jemand auf den S-Bahnsteig rettete, ging es nahtlos weiter. Es ist leicht, jemandem den Weg zu versperren in den auch an normalen Tagen oft überfüllten Gängen, die durch die nachträglich eingebauten Fahrstühle vielleicht barrierefrei geworden sind, aber doch voller neuer Barrieren sind. Wenn man denn mal weglaufen muss.

Weglaufen musste ich in Köln erst im Oktober. Gleich dreimal wurde ich im Vorort Kalk an einem einzigen späten Freitagabend von jungen Männern belästigt. Jemand wollte mir aus einer kleinen Gruppe heraus unbedingt die Hand geben, auf den Trick falle ich nicht herein und wechsele die Straßenseite. Auf dem Rückweg das Gleiche. Doch dann sprang plötzlich an der Trimbornstraße ein junger Mann auf mich zu, wollte eine Zigarette. Ich sagte, tut mir leid, ich rauche nicht, beschleunigte den Gang. Er ließ nicht locker und folgte mir. Irgendwann fing ich an zu rennen, so schnell ich konnte. Er hinterher. Um halb drei in der Früh ist es auch im wilden rechtsrheinischen Vorort einsam. Nur in weiter Ferne sah ich noch den Freund, der mit dem Fahrrad vorausgefahren war, rief so laut ich konnte. Gemeinsam verscheuchten wir den Mann. Hätte ich eine Täterbeschreibung von den drei Angreifern abgeben müssen, hätte ich gesagt: Sie sahen aus wie Nordafrikaner, aus Marokko oder Tunesien.

Jeder kennt hier die Szene illegaler Einwanderer. Es sind keine Asylbewerber, sondern perspektivlose junge Männer, die in prekären Wohnverhältnissen leben. Bei entsprechenden Vergehen könnte man sie in ihre Herkunftsländer abschieben, aber die Kölner Polizei ließ sie bisher in aller Regel gewähren. Ihre Treffpunkte in Kalk sind nur wenige Hundert Meter entfernt vom Kölner Polizeipräsidium. Kleine Fische.

„Heißes Pflaster Köln“ hieß einmal ein billiger Kriminalfilm aus den Sechzigern. Vermutlich war das schon damals eine Untertreibung.

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