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Klebstoff

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Lebhaft, eigenständig, eigenwillig: Das gilt auch für selbstklebende Preisschilder, selbst dann, wenn sie endlich ab sind. Erst recht dann.
Lebhaft, eigenständig, eigenwillig: Das gilt auch für selbstklebende Preisschilder, selbst dann, wenn sie endlich ab sind. Erst recht dann. © Imago

Vor 80 Jahren erfand ein Mann namens Richard S. Avery das selbstklebende Preisschild. Und wie bekommt man all die Preisschilder wieder ab?

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Sobald man sich einig darüber ist, dass es weit Wichtigeres gibt, lässt sich zum Thema selbstklebendes Etikett im Einzelhandelsbereich eine Menge sagen. Denn noch längst ist nicht jedes Weihnachtsgeschenk von den Überresten der Etikettschichten (Firma, Laden, Preis, neuer Preis) befreit. In vielen Haushalten wird noch an Gläsern, Bechern, Kästchen, Heftchen geknibbelt und geschabt, gezupft, Zitronensaft und Butter (über Nacht) aufgetragen, mit Tesafilm (Erfolgsquote unter 50 Prozent, Zerstörungswahrscheinlichkeit aber sogar unter 10 Prozent) und Dispersionsentferner (umgekehrtes Verhältnis) experimentiert. Dass der Schenkende selbst nicht darauf erpicht war, die Oberfläche des soeben erworbenen Produkts anzukratzen, ist begreiflich. Ihm wird es darum gegangen sein, die Lesbarkeit des Preises, erst recht des neuen Preises völlig unmöglich zu machen. So ist der Mensch, etwas schlapp, aber diskret, wenn es ums Geld geht.

Dies weist schon darauf hin, wem wir dieses Problem verdanken, aber früher dafür auch die lebenszugewandt wellenförmigen Aufkleber mit den DM-Preisen, die heute dermaßen nostalgisch sind, dass sie sich als Plakat an der Wand ausgezeichnet machen würden: Dem Mann, der vor 80 Jahren das selbstklebende Preisschild erfand und dessen 119. Geburtstag auf den heutigen Mittwoch fällt. Richard S. Avery war sein Name, die Erfindung jenes Preisschildes und die Gründung einer Firma – Aufkleber und Verpackungen, 36.000 Mitarbeiter in 60 Ländern – sein Lebenswerk.

Nun ist es blöd, dass das Thema selbstklebende Preisschilder vom Wesentlichen ablenkt – und das obwohl es gar nicht mehr so viele selbstklebende Preisschilder gibt. Aber das ist ja auch schon wieder interessant, so dass man zum Beispiel erst nach circa 70 Zeilen darauf zu sprechen kommen kann, dass auf den heutigen Mittwoch auch der 75. Todestag eines Schriftstellers fällt. James Joyce war sein Name, das Schreiben bedeutender Bücher, zumal des Ulysses – 1000 Seiten und Übersetzungen in ganz viele Sprachen – war sein Lebenswerk. Es ist so lebhaft, eigenständig und eigenwillig, dass uns wohl erst am 16. Juni, dem Tag, an dem im Roman die Musik spielt, wieder wirklich etwas dazu einfallen wird.

Lebhaft, eigenständig, eigenwillig: Das gilt für selbstklebende Preisschilder übrigens ebenfalls, selbst dann, wenn sie endlich ab sind. Erst recht dann. Seltsam. Leopold Bloom musste am 16. Juni 1904 vermutlich nur deshalb nicht darüber sinnieren (und es vom Finger bekommen, Seite um Seite), weil es noch nicht erfunden war. So hängt am Ende doch alles mit allem zusammen.

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