„Im Frühjahr wurden sie beklatscht (…). Doch wie geht es den Krankenpflegern heute?“, fragt die Berliner Zeitung.
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„Im Frühjahr wurden sie beklatscht (…). Doch wie geht es den Krankenpflegern heute?“

Times Mager

Klatsche

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Von Pflegekräften, ganz viel Geklatsche und der Notwendigkeit, sich trotz allem mal ein paar neue Formulierungen zu überlegen.

Keine Witze mit Namen, aber wenn der Betroffene selbst zum Spaßen aufgelegt ist, bitte sehr. Der Norddeutsche Rundfunk teilt mit: „,Die Pflegekräfte haben in den vergangenen Monaten ein Wechselbad der Gefühle erlebt‘, sagte Diakonievorstand und Landespastor Heiko Naß.“ Ja, wer, wenn nicht Herr Naß, sollte das Recht haben, die lauwarme (!) Metapher von den „Wechselbädern“ zu gebrauchen? Aber darum geht es hier nicht.

Erst seien sie als Helden beklatscht worden, dann seien sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen, sagt Herr Naß noch. Und jetzt passen Sie mal auf, was sonst alles gesagt wird:

Berliner Zeitung: „Im Frühjahr wurden sie beklatscht (…). Doch wie geht es den Krankenpflegern heute?“ Süddeutsche Zeitung: „Ami Lanzinger, Student und Wunschkandidat der Grünen Jugend Bayern, spricht über die Aufmerksamkeit für Pflegekräfte und Werksvertragsarbeiter, die … zuletzt wahlweise beklatscht oder bedauert wurden.“ ZDF: „Erst wurden sie aufs Schild gehoben und beklatscht, dann waren die Lobeshymnen für die Menschen in der Pflege schnell wieder vergessen.“ Und so weiter, googeln Sie mal, es geht schnell.

Das letzte Beispiel fällt ein wenig aus der Reihe, denn die Formulierung legt das Vorliegen der interessanten These nahe, dass ursprünglich die Lobeshymnen „aufs Schild gehoben und beklatscht“ worden seien, bevor sie wieder in Vergessenheit gerieten. Andererseits entspringt dieser Einwand zugegebenermaßen der veralteten Neigung, Sätze so zu verstehen, wie sie formuliert sind, obwohl „alle wissen, was gemeint ist“, wie es immer so schön heißt.

Hier noch rasch zwei Beiträge zum Thema: „Wertschätzung von Pflegern: Erst beklatscht, dann vergessen?“ (Main-Post). „Von den Balkonen und Fenstern aus wurden die Pflegekräfte zu Beginn der Pandemie vielerorts besungen und beklatscht. Doch wie sieht es in den Seniorenheimen im Kreis Gießen jetzt aus?“ (Gießener Allgemeine).

Nun werden Sie fragen: Warum steht das hier alles? Bitte, so schwer ist das doch nicht. Es steht hier einerseits, weil die Pflegekräfte in Deutschland erst beklatscht wurden, und dann sah es doch wieder düster aus oder so. Zu bemerken ist aber darüber hinaus, dass es eventuell möglich sein sollte, sich in Landespastorenkreisen und Redaktionsstuben und bei der Grünen Jugend vielleicht mal eine neue Formulierung auszudenken.

Und jetzt etwas anderes: Nie, nie, nie ist in Fußballsendungen das Wort „Belastungssteuerung“ gefallen. Jetzt fällt es in jeder. Wer eine Fußballsendung entdeckt, auf die das nicht zutrifft, erhält eine kostenfreie Würdigung im Times mager. Andererseits findet das Syndesmose-Band nach Jahren seiner Hochkonjunktur praktisch keine Erwähnung mehr.

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