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Klagenfurt

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Von: Judith von Sternburg

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Autorin Anna Baar bei ihrer „Klagenfurter Rede zur Literatur“.
Autorin Anna Baar bei ihrer „Klagenfurter Rede zur Literatur“. © Gert Eggenberger/dpa

Anna Baar hält die Klagenfurter Rede und erinnert an den Jugoslawien-Krieg. Die Kolumne „Times mager“.

Es hat Tradition, an Orten zu leiden, die einem nahestehen, und der Kunst schadet es nicht. Im Gegenteil, wie Thomas Bernhard in seinen Städtebeschimpfungen bewies, für die ihm die Städte nicht einmal nahestehen mussten. Er musste sie nur irgendwoher kennen, sie und ihre Fürchterlichkeiten. Beim Nahestehen wird es eben quälerischer.

In Klagenfurt ist alle Welt froh darüber, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur wieder mit Publikum und Bürgermeisterempfang auf Schloss Loretto stattfinden können. Die Tage der deutschsprachigen Literatur hießen bis 1999 nach der wichtigsten Auszeichnung des Wettbewerbs Ingeborg-Bachmann-Preis. Dann untersagten Bachmanns Geschwister diesen Namen aus Protest gegen die Politik der FPÖ und ihres Anführers und Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider, der daraufhin den Preis des Landes Kärnten abschaffte. Klagenfurt ist eine sehr schöne kleine Stadt und besonders dazu geeignet, an ihr zu leiden.

Die Eröffnung der Literaturtage ist ein Stelldichein wichtiger Persönlichkeiten aus Kärntens Wirtschaft, Politik und Medien, man wird auf Dauer ähnlich konfus wie beim Wiener Opernball.

Danach gibt es eine Klagenfurter Rede zur Literatur, diesmal von Anna Baar (1973 in Zagreb geboren, in Wien und Klagenfurt aufgewachsen). Unter dem Bachmann humorfrei modifizierenden Titel „Die Wahrheit ist eine Zumutung“ sprach sie über „eine Jugend in einer Stadt wie dieser“. Sie nannte als frühe Erkenntnis: „Die Frage war nicht, was stimmte, sondern wer etwas sagte.“

Sie ging auf das Jahr 1991 ein: Während „der echte Krieg tobte“ (in Jugoslawien, „daran sei erinnert, weil manche die Ära des europäischen Friedens mit bald achtzig Jahren beziffern“), stritten Literatur und Politik in Klagenfurt über Urs Allemanns schließlich prämierten Text „Babyficker“. Eine FPÖ-Vertreterin sah einen „Verstoß gegen das Landesgesetz über die guten Sitten“, Baar hingegen betonte, die Würdigung passe „perfekt auf die Landessitten. Die ,größte preisgekrönte Schweinerei‘, wie sie den Text benannte, waren die Verbrechen des echten Kinderschänders, der, obwohl amtsbekannt, etliche Preise bekam“.

Nur eine sehr späte Verurteilung Franz Wursts, Leiter der Heilpädagogikabteilung des Landeskrankenhauses, dürfte verhindert haben, ihm postum eine Klagenfurter Straße zu widmen, so Baar, „zumal hier heute noch Straßen nach Naziverbrechern benannt sind“. Bachmann selbst habe es in der Stadt ihrer Jugend „zu einem Forstweg“ gebracht, „der aber nicht zum See führt“.

So stemmt sich die Literatur, hier in Form einer wirklich humorlosen Rede, gegen unsere Selbstzufriedenheit.

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