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Was will uns dieser Taucher sagen? Alles gut? Oki? Gebongt? 

TIMES MAGER

Klärchen

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Einfach nur ja zu sagen, wäre zu wenig. Das Arsenal, es anders zu tun, ist so riesig, dass es verunsichert. 

Nun kam im Büro einmal wieder die Frage auf, was man eigentlich gesagt habe, bevor man sagte: „Alles gut“. Ob es nicht „Oki“ gewesen sei, meinte der Chef sehr modern, wenn auch mäßig zutreffend. Aber der Arbeitsdruck war wie immer so gewaltig, dass die Diskussion bald erstarb. Nur routinierte Gesprächsfetzen unterbrachen gelegentlich die Stille. „Hast du schon …?“ – „Alles gut.“ – „Kannst du nachher …?“ – „Alles gut.“

Erst viele Stunden, wirklich sehr viele Stunden später war Gelegenheit zur Weiterverfolgung der interessanten Fragestellung. Im privaten Kreis kam der Vorschlag „Oki“ an, allerdings wurde auch die Möglichkeit erörtert, ob der Chef nicht doch „Okay“ gemeint habe. Sich mündlich zu verschreiben: Ja, es gibt Beispiele dafür, aber der Chef hatte selbstverständlich „Oki“ gemeint, wenn er „Oki“ gesagt hatte.

„Oki“ stutzt das zuvor eigens neckisch verlängerte „Okey-dokey“ wieder ökonomisch zurück und entledigt sich beiläufig der unweigerlich auftretenden orthografischen Verunsicherungen durch schieren Individualismus und bezaubernde Geradlinigkeit. Aber dabei blieb es nicht. Das herrliche „klärchen“ mütterlicherseits – wie in „klärchenklar“ und „alles klärchen“ – wurde jetzt ebenso in Stellung gebracht wie das derzeit irgendwie altmodische „gebongt“ und das schon immer peinliche „roger“, das allerdings einen gefährlichen Ohrwurm unter den Wörtern darstellt. Ferner „alles paletti“ und „passt“. Eine nette Auswahl, die dem „Alles gut“ jedoch nicht das Wasser reichen kann. Dessen allumfassende Wohltätigkeit und Einsatzbereitschaft zeichnet sich vor und hinter jenen lässigen Bestätigungsformeln bloß umso heller ab. Denn seine Wirkung entfaltet es ja gerade da, wo es knirscht oder knirschen könnte.

In der Bahn ein sehr sympathischer, sehr junger Mann, der seinem Kumpel mit kinohaftem osteuropäischem Akzent erklärte, wie er als Millionär, als 15-facher Millionär, nein, als 20-facher, nein als Milliardär auf einer winzigen Südseeinsel leben und den ganzen Tag wetten wolle. Sportwetten abgeben, das meinte er, wie er auf überraschte Nachfragen des Kumpels erläuterte.

Dadurch dass dem jungen Mann offenbar klar war, dass nur eine utopische Lebenslage und ein horrendes Vermögen so etwas ermöglichen, haftete dem nichts besonders Problematisches an, eher etwas bizarr Poetisches. Jedenfalls fand er dann eine ganze Weile seinen verdammten Fahrschein nicht. „Alles gut“, sagte er, er habe ihn auf jeden Fall irgendwo. „Alles gut“, sagte die Kontrolleurin, er werde ihn schon finden, und als der Fahrschein auftauchte, sagte sie natürlich: „Alles gut.“

Womöglich war es die Südseeutopie, die die längst nicht abgedroschene Phrase mit einem besonderen Licht und einer feinen Brise überzog. Als die Kontrolleurin die Zuguckende bat, sie an den Öffnerknopf zu lassen, sagte diese trotzdem testweise „klärchen“. Das war auch ein ganz schönes Gefühl.

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