Kein Rollenspiel, aber ein Spiel mit Rollen.
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Kein Rollenspiel, aber ein Spiel mit Rollen.

Times Mager

Kinderspiel

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Rollenspiele gelten als pädagogisch wertvoll, wer hätte die Stirn, Kinder dabei zu stören.

Am Anfang des zweiten Teils von Verena Güntners Roman „Power“ zu stecken und außerdem in einer U-Bahn zur Mittagszeit: Das hat seine Reize, und man weiß nicht mehr, wo man zuerst hinschauen soll. Schon sitzen dort nämlich zwei versonnene Mädchen und murmeln was von „Wir werden ihn bestimmt befreien können“. Zweifellos handelt es sich hierbei um ein Rollenspiel, jedenfalls wollen das die Erwachsenen rundumher doch stark annehmen (sonst müsste man jetzt gleich irgendetwas – unternehmen). Die Erwachsenen gucken also hin, aber dann diskret weg, in ihr Buch oder aus dem Fenster, was in der U-Bahn immer besonders höflich, weil unergiebig ist.

Rollenspiele gelten als pädagogisch wertvoll, wer hätte die Stirn, Kinder dabei zu stören. Die ja nicht wissen, dass sie gerade völlig freiwillig und hingegeben anfangen, sich „gewissermaßen in die Welt der Erwachsenen ,einzudenken‘“, sich „soziale Kompetenzen anzueignen“, den „Umgang mit Regeln zu lernen“, „Ängste abzubauen und das Geschehen aus dem Alltag sinnvoll zu verarbeiten“.

Auch wenn kita.de an dieser Stelle konkret an Rollen wie Mutter, Vater, Hund oder Feuerwehrmann denkt, verhält es sich kaum anders, wenn exotischere Umgebungen ausprobiert werden („Kimba, der weiße Löwe“, „Sindbad“, „Winnetou“, später hat man zwar Geld verdienen können und so weiter, aber das Leben wurde nie mehr besser). In der Tat: Das Rollenspiel ist das eine, aber das Zurechtlegen des Spiels und seiner Regeln das andere. Kinder „lernen, Absprachen zu treffen, Rollen gerecht zu verteilen und Konflikte untereinander fair zu lösen“. Wenn man nicht nur das älteste Geschwister, sondern auch das älteste Kind im Haus ist, wird einem das Ergebnis wirklich immer fair und okay vorgekommen sein. Im Nachhinein keimen an dieser Stelle Zweifel.

Natürlich war das alles schöner, als man noch nicht wusste, wie viel das zu bedeuten hat. Darum will keiner die Mädchen in der U-Bahn stören. Allerdings versteht man auch bloß Bahnhof. Wer ist Billie? Wo spielt das Ganze überhaupt?

Und was hat das mit Verena Güntners Roman „Power“ zu tun (der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, und am Anfang des zweiten Teils hat man schon länger verstanden, warum, und Dumont hat entsprechend den Erscheinungstermin auf Mitte dieser Woche vorgezogen)? Auch in „Power“ geht es um eine Art Rollenspiel unter Kindern, aber es ist nicht im mindesten das Rollenspiel, das sich kita.de vorstellt. Obwohl Kinder gerne spielen, sie wären Tiere, so ist es den Eltern und gewiss auch den Erzieherinnen und Erziehern wichtig, dass sie anschließend wieder normal reden und vor allem abends vom Spielen nach Hause kommen. Da hat „Power“ aber mehr Power, wenn man es während der Sperrfrist einmal so formulieren darf.

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