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Telefonketten stammen aus jener Zeit, als eure Omas und Opas noch jung waren und demonstrieren gingen.

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Ketten

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Die Feuilleton-Glosse: Von Omas und Opas und der guten alten Telefonkette.

Toilettenpapier ist durch. Die Zeit, in der der Zellstoff in Corona-Gesprächen fast die wichtigste Rolle (!) spielte und zugleich verkörperte, geht ihrem Ende entgegen. Wussten Sie übrigens, dass der Klimawandel einen Beitrag zur besseren Versorgung leistet, weil die Produzenten jetzt das überschüssige Holz der kaputten Bäume kaufen? Sie müssen deshalb bitte nicht gleich den Klimawandel gut finden, aber jetzt reden wir über etwas anderes.

Und zwar Telefonketten. Für die Jüngeren: Das sind nicht etwa reich verzierte Schnüre, an denen ihr euer Smartphone in den wenigen Sekunden baumeln lassen könnt, in denen ihr es nicht anstarrt. Das Wort steht auch nicht für die Schnur, die den Fernsprech-Tischapparat eurer Urgroßmutter an die Buchse kettet, so dass die Urgroßmutter sich beim Telefonieren nur innerhalb einer Fläche von insgesamt zwei Quadratmetern bewegen kann.

Telefonketten stammen aus jener Zeit, als eure Omas und Opas mit ganz vielen anderen Omas und Opas, die damals jung waren, demonstrieren gingen. Wie durch ein Wunder trafen sie sich alle zum selben Zeitpunkt am selben Ort, manchmal sogar kurzfristig, wenn es etwas zu demonstrieren gab. Ohne Whatsapp!

Wie sie das gemacht haben? Telefonketten! Jeder und jede ruft ein paar Leute an, die rufen auch alle ein paar Leute an, und plötzlich stehen ein paar tausend Leute in der Stadt und demonstrieren. Ein Wunder der Technik beziehungsweise gerade nicht.

Noch einmal, nur noch dieses Mal, ganz kurz zum Toilettenpapier. Das ältere Paar in der Nachbarschaft erzählte dieser Tage, wie es im Moment des schlimmsten Mangels einen großen Erfolg erzielte. In einem Satz: „Mer hawwe e Telefonkett’ gebildet.“

Zwei Ecken weiter befindet sich ein Supermarkt, der aussieht, als habe ihn jemand aus der Zeit des Fernsprech-Tischapparats in die Gegenwart gerettet. Er führt das Sortiment einer großen Handelskette, trägt aber nicht mal deren Namen, wahrscheinlich, weil ihm die Dauerbeschallung mit Werbung sowie jegliche innovative Gemüse-Insel fehlt. So sympathisch wie die Nachbarn.

Nun verabredeten sich die älteren Herrschaften in jenem Quadratkilometer, den der Markt versorgt: Diejenigen, die direkt daneben wohnen, kontrollierten abwechselnd die Papierversorgung. Kam es zu einer Lieferung, griff die betreffende Person zum Fernsprech-Tischapparat und löste die Telefonkette aus, die die Nachricht über den ganzen Quadratkilometer verteilte. Sofort stürmten die jungen Nachbarn im Auftrag der alten Nachbarn den kleinen Supermarkt, kauften innerhalb weniger Minuten den gesamten Vorrat weg und verschwanden.

Unsereins steckte im Whats-app-Chat und bekam nichts mit.

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