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Hans-Hermann Kotte ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Hans-Hermann Kotte ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.

Kolumne

Keine Ruh

Thilo Sarrazin attackiert nicht nur weiter unverdrossen seine Kritiker („Gutmenschen“, „Harmonie-Kitsch-Soße“), er wird auch immer reicher. Das inzwischen bestverkaufte politische Sachbuch seit 1945, „Deutschland schafft sich ab“, könnte seinem Autor mehr als drei Millionen Euro einbringen

Von Hans-Hermann Kotte

Thilo Sarrazin attackiert nicht nur weiter unverdrossen seine Kritiker („Gutmenschen“, „Harmonie-Kitsch-Soße“), er wird auch immer reicher. Das inzwischen bestverkaufte politische Sachbuch seit 1945, „Deutschland schafft sich ab“, könnte seinem Autor mehr als drei Millionen Euro einbringen. Sarrazin macht Schlagzeilen, sitzt in Talkshows, ist auf Lese-Tour – noch längst nicht ist „über allen Gipfeln Ruh“, auch kein „Schweigen im Walde“, um einen berühmten Goethe-Vers zu zitieren, den Sarrazin in seinem Buch instrumentalisiert. Er beklagt das sich angeblich verdünnende intellektuelle Potenzial Deutschlands und stellt sich die Frage, wer wohl diesen Vers in 100 Jahren noch kennen wird. Antwort: „Der Koranschüler in der Moschee nebenan wohl nicht.“ Ich kenne meinen Goethe, will Bildungskanoniker Sarrazin signalisieren. Und kickt gleich noch die Araber- und Türkenbengels vom west-östlichen Divan.

Doch ihren Goethe kennen auch andere. Said etwa, der 1947 in Teheran geborene persisch-deutsche Dichter, nutzt den Klassiker in seinem jüngsten Essayband („Das Niemandsland ist unseres“) nicht bloß als Dekorleiste. Said baut einen seiner Beiträge um ein Goethe-Zitat herum: „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Toleranz ist kein Zustand, sondern eine Ausgangsposition, eine Bewegung, schreibt Said in der für ihn typischen Kleinschreibung: „wir müssen uns aufeinander zubewegen; der stillstand gebiert zuweilen nur indifferenz oder gar schlimmere fantasien.“ Ihm geht es um die demokratische Dimension der Toleranz, also keine teilnahmslose Gleichgültigkeit, „die oft in ghettoisierung mündet“. Toleranz sei keine Fertigware, schreibt Said, sie entstehe in einem respektvollen Dialog.

Und Said lobt Goethe, „der eine grandiose kulturelle brücke schlug zwischen okzident und orient – ohne arroganz, gönnerhaftigkeit und aufrechnerei“. Die letzten drei Vokabeln könnten eine Beschreibung des Auftretens von Thilo Sarrazin sein. Allerdings erschien Saids Essayband bereits im Frühjahr, fünf Monate vor „Deutschland schafft sich ab“.

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