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Theodor Fontane spielte am Schreibtisch mit diesem Gerät gelegentlich Fangeball, um sich zu entspannen.

Fontanejahr

Kein Wort bleibt ungezählt

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Neuruppin präsentiert sich zum Fontanejahr stolz mit Museumsneubau und Ausstellung.

Gegenüber seiner Geburtsstadt Neuruppin hegte Theodor Fontane abgebrochene Gefühle. Weil sein Vater die elterliche Apotheke mehr oder weniger am Spieltisch verloren hatte, sah sich die Familie zu einem Neuanfang in Swinemünde gezwungen, als Sohn Theodor sieben Jahre alt war. Die Fontanes ließen die Bindungen in die Garnisonsstadt aber nicht abreißen, und so kehrte Theodor als Schüler zurück, um am örtlichen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium die Schulzeit abzuschließen.

In den „Wanderungen“ mokierte Fontane sich später über die raumverschwenderische Anlage Neuruppins, die einem „auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock“ gleiche, was den Eindruck einer gewissen Öde, Langeweile und Leere hinterlasse. Nach einem verheerenden Großfeuer im Jahre 1787 hatte man die Stadt beim Wiederaufbau aus Sicherheitsgründen geräumiger angelegt.

Eine strenge Reminiszenz an Preußens Klassizismus: der Neubau mit Tempelgarten.

Fontanes städtebauliche Kritik vermittelt sich noch immer, aber Neuruppin hat sich schick gemacht für das große Fontanejubiläum. In der Karl-Marx-Straße, der früheren Wilhelm-Straße, befindet sich Fontanes Geburtshaus, in dem noch immer eine Apotheke untergebracht ist. Der Löwe über dem Portal ist neu vergoldet, der Schriftzug „Fontane Haus“ frisch restauriert. Derlei Bemühungen sind jedoch Randerscheinungen im Vergleich zum neuen Gewand des Museums Neuruppin, in dem am Samstag die große Leitausstellung „Fontane.200/Autor“ mit einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet worden ist. Das Haus war über einen längeren Zeitraum für eine Runderneuerung sowie die Errichtung eines Erweiterungsbaus geschlossen. Sieben Millionen Euro wurden für das ambitionierte Projekt investiert, auf dass die Marke Kulturstadt Neuruppin daraus hervorgehe.

Die Ausstellung selbst präsentiert sich als moderne Literaturausstellung, für die das Kunststück zu vollbringen war, die bestehende Sammlung in das neue Konzept zu integrieren. Kam die vorangehende Schau in der sympathischen Anmutung eines etwas verstaubten Heimatmuseums daher, in dem die Dielen noch nach 19. Jahrhundert knarzten, so wird nun kräftig das Prinzip Zitatpop bemüht.

In der unteren Etage finden sich viele Exponate zur Stadtgeschichte Neuruppins, die auf eine slawische Siedlung zurückverfolgt werden kann. Fontane selbst hatte die einstige Ausstellung besucht und darüber geschrieben. In der Neugestaltung wird nun versucht, ein Beziehungsgeflecht zwischen den großen Söhnen der Stadt herzustellen: dem Architekten Karl Friedrich Schinkel, dem Orientmaler Wilhelm Gentz und Theodor Fontane.

Gleich beim Betreten der Räume stößt man auf ein altes Fangballspiel, das Fontane zur zwischenzeitlichen Entspannung an seinem Schreibtisch benutzte. Devotionalien wie diese zeigt man eher beiläufig, besonders stolz ist das Museum indes auf ein frühes Fontane-Gedicht, das erst kürzlich entdeckt worden ist. Es handelt sich um den Eintrag des 13-jährigen Theodor in das Poesiealbum eines Freundes – der älteste Fontane gewissermaßen.

Ansonsten aber wird in dem gefälligen Gesamtkonzept der Kuratorin Heike Gfrereis sehr viel Ehrgeiz darauf verwandt, Fontane als modernen Dichter zu präsentieren. Mehr als das, er wird als Künstler inszeniert, der nicht nur als Schriftsteller ein kaum zu überblickendes Werk hinterlassen hat, das viel Spielraum für Deutungsmöglichkeiten lässt. Es wird der Eindruck vermittelt, man schaue Fontane über die Schulter und sehe ihm bei der Verfertigung seiner komplexen Textarchitektur zu. So kann man ihn auch als Entdecker, Bastler, Verwirrungs- und Schriftkünstler kennenlernen, der in seinen Notizbüchern kunstvolle grafische Gebilde angefertigt hat und in Briefen – sei es aus Sparsamkeit, sei es aus Gestaltungsfreude – dazu übergegangen ist, das Blatt um 90 Grad zu wenden und erneut zu beschreiben.

Der kalligraphische Zauber, der davon ausgeht, wird in dieser Ausstellung erstmals konsequent gezeigt und weitergedacht. Heike Gfrereis verwies bei einer ersten Begehung schmunzelnd darauf, dass die aufgeschlagenen Notizbücher aus konservatorischen Gründen alle paar Wochen umgeblättert werden müssen. Man könne also immer wieder in eine ganz neue Ausstellung eintreten. Derlei kuratorische Sorgfalt wirkt inzwischen wie ein sentimentalischer Dienst an der analogen Welt, und sie erzeugen ein Spannungsfeld zwischen der Aura authentischer Objekte und dem durchgängig vermittelten Gefühl, mit den Segnungen des Digitalen die Textmaschine Fontane vollständig erschließen zu können. Im Effi-Briest-Saal, in dem man über einen weichen Wortteppich wandelt, bleibt kein Wort ungezählt. Die Qual der Textinterpretation, an die sich gewiss viele Schüler erinnern, wird nun vom Computer übernommen, der über Worthäufigkeiten und die Verwendung von Neologismen Auskunft gibt.

Der Eindruck eines Hypertext-Künstlers ist allgegenwärtig. In Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen wird das Notizbuch digital erschlossen, und in dem Kapitel Remix setzen sich zeitgenössische Schriftstellerinnen wie Ulrike Draesner, Marion Poschmann, Sybille Lewitscharoff mit dem Werk Fontanes auseinander und teilen Leseerfahrungen mit. Fontane aufgemischt.

Die Ausstellung, aus der einzelne Schauelemente mit einer Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung unterstützt wurden, setzt auf Überraschung und Anspielungsreichtum, als komme es auch darauf an, sich demonstrativ von herkömmlicher Museumsdidaktik zu lösen. An vielen Stellen wird ein verführerischer digitaler Möglichkeitsraum eröffnet, dessen Erfolg aber letztlich wohl davon abhängen wird, wie er insbesondere auch von einem erhofften jungen Publikum erlebt und genutzt wird.

In Neuruppin jedenfalls wagt man sich mit diesem Haus, dessen Erweiterungsbau architektonisch an das Literaturarchiv Marbach angelehnt ist und einen kleinen Fontane-Garten als Auslauf bietet, in eine gewollt neue Form der Kulturvermittlung vor, die im ländlichen Raum, wo man bislang vor allem auf gediegenen Wasser-, Wellness und Radfahrertourismus gesetzt hat, zweifellos überrascht.

Museum Neuruppin: bis 30. Dezember. Zur Ausstellung erscheint im Verlag für Berlin-Brandenburg ein Begleitbuch von Heike Gfereis (200 S., 143 Abb. , 28 Euro). www.museum-neuruppin.de

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