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Kaufhaus

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Von: Judith von Sternburg

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Das Logo von Galeria an der Schaufensterfront an der Hauptwache in Frankfurt. Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will bundesweit zahlreiche Filialen schließen.
Das Logo von Galeria an der Schaufensterfront an der Hauptwache in Frankfurt. Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will bundesweit zahlreiche Filialen schließen. © dpa

Das Kind liebte die Zooabteilung. Die Erwachsenen die Kurzwaren. Was sollen wir nur ohne Kaufhaus tun? Die Kolumne „Times mager“.

Der Blick zurück auf alte Träume macht klar, wie vernünftig sie sind, die Träume. Perfekt – obwohl auch gut – wäre es nicht gewesen, versehentlich in einem Spielwarenladen eingesperrt zu werden, perfekt wäre es gewesen, eine Nacht in einem Kaufhaus zu verbringen, wo es nicht nur die Möglichkeit gegeben hätte, die größte Spielfigürchenwelt aller Zeiten aufzubauen, sondern auch Smacks mit Milch zu essen, Micky-Maus-Heftchen zu lesen, Danziger Goldwasser zu probieren, Meerschweinchen zu streicheln, heimlich fernzusehen und zwischendurch in einem Doppelbett eine Runde zu schlafen, aber nicht zu lange. Das Leben ist kurz, das Kaufhaus ist groß. Es lohnt bis heute, sich das zu vergegenwärtigen. Einerseits bekommt man im Internet genau das, was man will, andererseits ist es dann auch oft nicht das Wahre.

Im wirklichen Leben war das Kaufhaus seit jeher der Ort, an dem die Mutter und die Großmutter Knöpfe, Perlgarn, Litzen aussuchten. Darum gab es zu Hause nicht nur geschmackssichere Vorhänge, kamelhaarfarbene Kindermäntel und andere todlangweilige Dinge, auch die Puppen waren herausragend ausgestattet. Es ist eigenartig, dass nichts so lange dauert wie der Besuch einer Kurzwarenabteilung. Umgekehrt fanden die Erwachsenen die Zooabteilung unhygienisch.

Erwachsene sind Kindern fremder als Marsmännchen oder Delfine, wie einschlägige Filme ja auch dokumentieren. Darum interessierten sich die Kinder nicht für das grandiose Kaufhausbild in einem Saul-Steinberg-Band im großelterlichen Regal. Steinberg (1914-1999) zeichnete für den „New Yorker“, 1954 in Deutschland sicher der Hammer. Die Kinder fanden es altmodisch. Dabei sieht man einfach, wie erwachsene Großstadtmenschen alle möglichen Waren einkaufen. Am Rand eine Milch- und Kaffeebar. Die Großstadtmenschen sind sehr alleine und in sich zurückgezogen, sie konsumieren mit Routine und Konzentration. Wenn sie Probleme haben, gehen sie zum Psychoanalytiker. Dessen Sofa befindet sich diskret hinter einem Vorhang, aktuell liegt eine Dame darauf und ist die einzige Person auf dem ganzen Bild, die redet. Der Psychoanalytiker schreibt an der Schreibmaschine mit. Topmoderne Zeiten.

Weder Erwachsene noch Kinder können es wiederum leiden, zum Schuljahresbeginn die geforderten farbigen Heftumschläge zu beschaffen. Aber das geht im Kaufhaus flott, es ist von allem da. Wer später nicht Lehrerin wurde, dessen Finger wissen trotzdem noch, wie sich das anfühlt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Kaufhäuser sind kein Gegenstand der Nostalgie, sie sind eine Errungenschaft. Ihr Verschwinden würde die Zukunft unsinnig verkomplizieren.

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