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Eine Kastanie in der Gewalt der Miniermotte.

Times mager

Kastanie

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Man wusste im Sommer doch, was auf einen zukommen würde. Jetzt ist es so weit.

Das müssen wieder die Eichhörnchen gewesen sein, sie sind ständig unterwegs, denn (auch) sie hamstern. Demnach schon Herbst. Also sorgen sie vor, legen an, verteilen ihre Reserven. Könnte den Strategen ja ein Depot verloren gehen. Die Reserven rationieren, doch unter den Rationen nicht nur Nüsse, auch Polsterstoff. Zupfen ihn ab von den Kissen in den Terrassenstühlen. Ans Korbgeflecht selbst gehen sie nicht ran. Farbe schmeckt ihnen nicht, Lack ist erst recht nichts für sie. Wohl ein empfindlicher Magen, so ein kleiner Magen.

Gestern wieder ein Eichhornblick zum Fenster hinein, von der Fensterbank. Gesehen? Ja, hochnäsig. Solange noch die Katze da war, ein undenkbarer Vorwitz. Doch die Katze liegt im Schatten des Kastanienbaums, die eine oder andere Kastanie erreicht ihren letzten Liegeplatz. Mit der Katze wäre es weiterhin schön, aber es ging für sie nicht mehr. Sie fauchte zuletzt häufiger, nicht weil sie mal wieder kiebig war, sondern weil sie eine Katzenkrankheit quälte. Sie quälte sich schon zu lange, aber wie Katzen so sind, sie überspielen ihre Schmerzen kratzbürstig.

Kastanienzeit jetzt. Wenn eine Kastanie vom Baum abfällt, hört man nicht so viel (plop). Wenn gleich eine Kastanientraube niederfällt, rauscht es durch die Blätter, nimmt man nicht erst den Aufschlag auf dem Boden wahr (plop und stop). Bereits den Blättern hört man den Zustand der Kastanie an, der Miniermotte wegen.

Der Baum ist jetzt 25 Jahre alt, die Nachbarin hat ihn für ihren Sohn gepflanzt, verbunden mit dem Versprechen, die Kastanie niemals zu fällen. Für die Nachbarin bietet die Kastanie eine Versicherung, dass ihr Sohn niemals nicht abstürzt. Dessen Lebensversicherung als Flugkapitän ist in den Augen der Mutter seit 25 Jahren die Kastanie täglich, ein seit Jahr und Tag immer größer werdender Baum, heute gut und gerne 30 Meter hoch, ein Riese, der die Bäume um sich herum verdrängt, doch in der Gewalt der Miniermotte.

Ein Vierteljahrhundert ist für eine Kastanie kein Alter, auch nicht für eine kranke. Hat in diesen Wochen Jubiläum. Die Miniermotte hat ihr Zwanzigjähriges ganz bestimmt auch schon. Die angesteckten Blätter aufgerollt wie runzelige Finger, die nach den Kastanien greifen. Der Baum, der siecht, ist ein unheimlicher Baum, und was er auslöst, ist bestürzend.

Herbstzeit, Zeit der Kastanienkrankheit. Deshalb wusste man im Sommer, was auf einen zukommen würde. Man würde dem Sommer nachtrauern und den Zeiten zusammen mit dem Kastaniengrün. Die brauen Blätter heute wie gebeizt, keine natürliche Farbe wie beim Braun oft sonst.

Kastanien, wenn sie in Trauben abfallen von ihrem Baum, rauschen durch die Blätter wie durch trockenes Laub, fast klingt’s nach Reisig. Reisigzeit, Auskehrzeit.

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