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Karton

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Von: Thomas Stillbauer

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Welcher Typ sind Sie? Sammeln oder Wegwerfen?
Welcher Typ sind Sie? Sammeln oder Wegwerfen? © imago

Zu welcher Fraktion gehören Sie? Die der Sammler oder die der Wegwerferinnen?

In anderen Zusammenhängen ging es kürzlich um Schallplattenspieler, die Älteren werden sich erinnern, die Jüngeren auch, denn wir leben in interessanten Zeiten. Es sind Zeiten, in denen die Älteren noch Schallplatten hören und die Jüngeren schon.

Was machen die Mittleren? Sind hin- und hergerissen zwischen ihren Schallplattenspielern, die noch irgendwo sein müssten, und ihren Schallplatten, die auch irgendwo sein müssten, und ihren Ohren, deren Aufenthaltsort unstreitig ist. Wohin damit? Erstens: mit den Ohren? Falls in Richtung Vinylmusik, dann zweitens: Wohin mit dem Plattenspieler?

Wo früher der Schallplattenspieler neben dem Fernseher stand, steht heute ein Fernseher, der so breit ist wie früher ein Fernseher plus ein Schallplattenspieler. Genug Platz wäre jetzt hinter dem Fernseher, der heute in der Tiefe so schmal ist wie eine Doppel-LP. Aber ein Schallplattenspieler hinter dem Fernseher? Suboptimal in der Handhabung.

Also steht der Schallplattenspieler jetzt, wenn überhaupt, unterm Bett oder im Keller. Wenn er Glück hat – und zwar unverschämt viel Glück – befindet er sich nicht in einem entwürdigenden Staubszenario, er ist auch nicht eingewickelt in ein begrenzt saugfähiges und daher aussortiertes Mikrofaserhandtuch. Wenn er richtig Glück hat, sitzt er in seinem Originalkarton.

Nun stellte sich nämlich heraus, und das muss man sich einmal vorstellen: Es gibt Menschen, die ihren ersten selbstgekauften Plattenspieler, einen Technics SL-D3 aus dem Jahr 1984 mit Direktantrieb, im Originalkarton in ihrem Bücherregal stehen haben. Das ist keine Lappalie. Das ist ein Tatbestand, der die Menschheit in zwei Hälften teilt.

Die eine Hälfte kauft Hifi- und Haushaltsgegenstände und bewahrt die Kartons, in denen sie daherkommen, auf. Im Durchschnitt 17 Jahre lang, denn es kann ja sein, dass man das Gerät zurückgeben muss. Oder dass man einen Karton in genau dieser Größe für etwas anderes braucht. Oder weil man spontan umzieht. Das soll alles vorkommen.

Die andere Hälfte will Kartons generell loswerden, so schnell wie möglich, noch bevor das daraus geschlüpfte Hifi- oder Haushaltsgerät die ersten tapsigen Schritte ins Leben gemacht hat. Muss diese andere Hälfte am nächsten Tag etwas verschicken, sagen wir: ein Haushalts- oder Hifi-Gerät, steht sie im Türrahmen und fragt die eine Hälfte, ob sie womöglich einen passenden Karton hätte.

Zugegebenermaßen steht sie nicht einfach im Türrahmen – sie hat sich den Weg durch einen Parcours gebahnt, vorbei an termitenhügelhohen Obelisken aus ineinander gestapelten leeren Kartons. Kann man ja immer mal gebrauchen. Aber 1984: Respekt.

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