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Karlsbader

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Von: Judith von Sternburg

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Karlsbader Oblaten sind wie Danziger Goldwasser Produkte aus heutzutage mindestens großmütterlichen Zeiten.
Karlsbader Oblaten sind wie Danziger Goldwasser Produkte aus heutzutage mindestens großmütterlichen Zeiten. © Imago

Oblaten und flache Tassen sind in Karlsbad alle paar Meter zu haben. Außerdem ist es in der Stadt aber ziemlich leer, der Grund fällt einem erst später ein.

Karlsbader Oblaten sind wie Danziger Goldwasser Produkte aus heutzutage mindestens großmütterlichen Zeiten. Es dürfte eine astreine Leistung von Marketingprofis sein, dass Markenkirschlikörpralinen der Sprung in die Gegenwart gelang, denn sonst wären sie die Dritten im Bunde. Den Kindern waren nur die Karlsbader Oblaten erlaubt, aber die Zeiten, von denen hier die Rede ist, sind so lange her, dass die Karlsbader Oblaten groß wie eine Erdscheibe waren. Noch wussten die Kinder nämlich nichts von der Gesamtform des Untergrunds, auf dem sie herumrannten, sie wussten nur, dass die Karlsbader Oblate immer größer war als sie und ihr Hunger, nicht zu bewältigen. Süß, aber staubig. Waffeln, ein frühes, forderndes Erlebnis, wenn die Zeiten friedlich sind.

Dass man sie in Karlovy Vary an jeder Ecke bekommt, ist so naheliegend wie überraschend. Ungefähr so überraschend wie der Umstand, dass sie mit Kronen bezahlt werden, also überraschend für Menschen, die inzwischen zwar über die Kugelgestalt der Erde informiert sind, sich aber ansonsten kaum auskennen. Karlsbad wieder zu verlassen, ohne einen kleinen Stapel Karlsbader Oblaten im nostalgischen Pappkarton erworben zu haben, ist unvernünftig. Vernünftig scheint auch zu sein, rasch eine flache Tasse anzuschaffen, mit der man gesundes Wasser abfangen kann. Nach dem Trinken verschwindet die Tasse umstandslos in der Brusttasche des gutgekleideten Kurgastes oder auch in den Handtäschchen der Damen. Wer einmal eine herkömmlich geformte Tasse in ein Handtäschchen stecken wollte, weiß, dass das Mist ist.

Unter den Kurarkaden eine Harfen- und eine Querflötenspielerin im Duett. Die Villen ringsumher lassen Söhne und Töchter einer noch so gediegenen deutschen Kurstadt, na ja, Exkurstadt erröten. Es ist so prächtig und originell und zugleich so beschaulich. Und geräumig. Geradezu leer. Obwohl alle paar Meter in Kiosken Karlsbader Oblaten und flache Tassen zu haben sind, wären es noch mehr, wenn alle Kioske geöffnet hätten. Die Hotelterrassen sind weit und chic, aber da sitzt fast keiner. An Häusern die Schilder von Immobilienfirmen. Und es dauert – aber nicht so lange wie zu verstehen, dass die Erde keine Scheibe ist, aber länger als zu verstehen, dass Tschechien nicht zur Währungsunion gehört –, bis man begreift, dass hier etwas nicht stimmt. Und es dauert noch ein paar Schmuckläden und Restaurants mit Infotafeln in kyrillischen Buchstaben länger, bis klar ist, was fehlt: die russischen Gäste. Im Fernsehen nachher: Eine Sendung über Karlovy Vary in der Klemme.

Jahrzehnte später auch einen Schluck Danziger Goldwasser getrunken, den ersten und letzten.

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