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Kann sein

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Von: Stephan Hebel

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Tina Hassel machte das, was man wohl einen „Aufsager“ nennt.
Tina Hassel machte das, was man wohl einen „Aufsager“ nennt. © imago

Ja, schon möglich, dass die Welt den Bach runtergeht. Und damit zurück zu Jan Hofer (oder wem auch immer).

Geht die Welt den Bach runter? Um es mal in aller Deutlichkeit auszusprechen, frank und frei und unmissverständlich: kann sein.

Nun erzählen Sie nicht, das sei eine unkonkrete Aussage. Das Gegenteil ist es! Was, bitte, ist an der prägnanten Formulierung „Kann sein“ missverständlich? Okay, an der Frage ließe sich arbeiten: welche Welt? Welchen Bach? Wie weit runter? Etc. pp. Aber egal, was gemeint ist, „Kann sein“ funktioniert. Und warum? Weil es halt sein kann.

Warum das hier alles steht? Die Idee dahinter besteht darin, Sie, liebe Leserinnen und Leser, dem modernen Journalismus noch etwas näherzubringen bzw. den Journalismus Ihnen, aber das läuft ja im Ergebnis auf das Gleiche hinaus.

Entstanden ist die Idee, als kürzlich irgendetwas in Berlin noch nicht ganz entschieden war. Tina Hassel machte das, was man wohl einen „Aufsager“ nennt. Das ist, wenn eine Korrespondentin oder ein Korrespondent in der „Tagesschau“ etwas vorliest, das sie oder er gerade erst (!) aufgeschrieben hat. Der letzte Satz, den er oder sie vorliest, lautet immer „Und damit zurück zu Jan Hofer“, allerdings nur, wenn Jan Hofer im Studio ist.

Tina Hassel also resümierte: „Eine Einigung ist noch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Und damit zurück zu Jan Hofer“ (oder wem auch immer).

Sehen Sie: Auf höchstem Niveau (ARD-Hauptstadtstudio!) arbeitet der politische Journalismus Tag für Tag an der Verfeinerung, Erweiterung und Verbreiterung der Aussage „Kann sein“. Und in der Tat: „Eine Einigung ist noch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich“ – das klingt schon viel besser als „Kann sein“.

Nun besteht natürlich andererseits die Möglich-, ja vielleicht sogar die Wahrscheinlichkeit, dass sich eventuell die Sache noch eleganter ausdrücken ließe. Hier ein Vorschlag: „Eine Nichteinigung befindet sich zwar ebenso wie eine Einigung eventuell noch im Bereich des vielleicht Möglichen, weicht allerdings in ihrem Möglichkeitsgrad von einer Einigung ab, und zwar nach unten.“ Diese Formulierung hätte den großen Vorzug, dass sie allein durch mächtige Substantive eine Bedeutung der Aussage zumindest vortäuschen würde. Andererseits enthielte sie Ansätze einer Einschätzung, und so etwas kann natürlich leicht verwirren.

Um ganz ehrlich zu sein: Viele Hauptstadtjournalisten sprechen auch anders, knallhart kritisch. Vorbildlich Theo Geers gestern im Deutschlandfunk: Opposition sei derzeit „ein undankbarer Job, denn die Koalition macht natürlich das meiste richtig“.

Kann sein.

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