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Justizmord

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Von: Judith von Sternburg

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Dieser Hund wäre zur Zeit der Hexenverfolgung vielleicht auch einem Justizmord zum Opfer gefallen.
Dieser Hund wäre zur Zeit der Hexenverfolgung vielleicht auch einem Justizmord zum Opfer gefallen. © dpa/(Symbolbild)

Gregory Peck erläutert die Situation tadellos, aber er weiß, dass die Geschworenen Tom Robinson auf jeden Fall verurteilen wollen. Das war schon bei den „Hexen“ so.

Man soll nicht nebenbei einen Film schauen. Man soll nicht nebenbei einen Film schauen. Man soll nicht nebenbei einen Film schauen. Ist es aber doch einmal so, so fesselt erst recht die Szene, in der Atticus Finch vor Gericht stoisch und geschwind nachweist, dass Tom Robinson die Tat nicht begangen haben kann. Brock Peters fängt das Glas, das Gregory Peck ihm zuwirft, mit seiner Rechten so sicher, als wäre es eine Ballsportart, aber den anderen Arm, den er für das ihm vorgeworfene Verbrechen ebenso zwingend benötigt hätte, kann er gar nicht benutzen. Ein Arbeitsunfall. Hier könnte die Geschichte enden, hier müsste sie enden, die Geschworenen müssten den Kopf schütteln, die Menge müsste sich zerstreuen und Tom Robinson zu seiner Familie zurückkehren. Das verstörte und ziemlich verdächtige Mädchen, das falsches Zeugnis wider ihn geredet hat, müsste Ärger bekommen, aber vielleicht besser psychologische Unterstützung.

Gregory Peck erläutert die Situation gleichwohl noch einmal, unpathetisch, flehentlich und nach Art von Gregory Peck, nämlich ein wenig hölzern wie in „Ich kämpfe um dich“. Gut so, recht so. Gregory Peck hat anders als unsereiner aufgepasst. Er weiß, dass die Geschworenen Tom Robinson auf jeden Fall verurteilen wollen, denn sie sind weiß und Tom Robinson ist es nicht, und „Wer die Nachtigall stört“ spielt in Alabama.

240 Jahre ist es her, dass der Begriff „Justizmord“ Einzug in die deutsche Sprache erhielt. Damals ging es um die Hinrichtung einer „Hexe“ namens Anna Göldi in der Schweiz. Da in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts der Glaube an „Hexen“ schon fast so unmöglich war, wie er es die ganze Zeit über hätte sein müssen, ging es vor Gericht vornehmlich um den Vorwurf des „Giftmordes“. Unhaltbar auch dies, unhaltbar auch hier der ganze Prozess, aber so wenig wie dem schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson nutzte das der mittellosen Dienstmagd Anna Göldi. Immerhin machte der Fall von sich reden. Im Januar 1783, ein paar Monate später – ja, es waren andere Zeiten –, stand also im Altonaer „Reichspostreuter“ das Wort „Justizmord“. Der Historiker, Staatsrechtler und Publizist August Ludwig von Schlözer griff das auf (nur ein paar Wochen später, blitzschnell), druckte nach und erläuterte, gemeint sei die „Ermordung eines Unschuldigen, vorsätzlich, und so gar mit allem Pompe der heil. Justiz, verübt von Leuten, die gesetzt sind, daß sie verhüten sollen, daß ein Mord geschehe, oder falls er geschehen, doch gehörig gestraft werde“.

So liegt die Wahrheit offen zutage, und es hilft nichts, es hilft nichts, es hilft nichts, bis es doch einmal hilft. Wenigstens gibt es seither ein Wort dafür.

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