Die britische Schauspielerin Claire Foy als Julia im Pirelli-Kalender 2020.
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Die britische Schauspielerin Claire Foy als Julia im Pirelli-Kalender 2020.

Times mager

Julia finden

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Für den Pirelli-Kalender 2020 hat sich Fotograf Paolo Roversi auf die Suche nach „Julia, die in jeder Frau lebt“ gemacht. Und was wiederum lebt in Julia?

Einmal, auf einem Blatt für 1984, rundeten sich vor Strandkulisse zwei braune Pos und liefen über die ansonsten nackte Haut silberne Reifenspuren. Bestimmt ein charakteristischer Abdruck (Cinturato, Zero Nero, gar ein Asimmetrico?), aber um das zu erkennen, müsste man Spurensicherer im „Tatort“ oder Reifenhändler sein. Es ist jedoch, seit 1964 und bis heute, auf den „Erotik-Fotos“ allenfalls eine dezente Anspielung auf den Auftraggeber der „Erotik-Kalender“ zu sehen, die Firma Pirelli. Denn der Pirelli-Kalender ist die Diva unter den Bildkalendern, die Autos und Autoteile mit spärlich oder nicht mal spärlich bekleideten Frauen zusammenbringen, auf dass man – eigentlich: Mann – den einen Verkehr assoziativ angenehm mit dem anderen verbinde.

Beides soll ja irgendwie rund laufen. Doch nie würde sich Pirelli dazu herablassen, ein nacktes Model auf einen dicken schwarzen Reifen zu platzieren und dann müsste sie auch noch so tun, als träume sie dabei von Erich oder Kurt, fesch im Blaumann. Während Erich und Kurt angesichts eines lächelnden Models auf einem Reifen sämtliche Witze über einparkende Frauen vergessen, auch sämtliche Blondinenwitze vergessen und ihren nächsten Reifenkauf kaum erwarten können.

Ist es eigentlich immer noch so, dass der Pirelli-Kalender „nur an ausgewählte Freunde des Unternehmens“ verschenkt wird? Und wie wird man ein ausgewählter Freund, muss man 500, 1000 oder 10.000 Reifen abnehmen? Genügen zehn? Und ist so ein Kalender eine echte Investition, die noch dazu weit weniger Platz wegnimmt als jeder Pirelli-Reifen?

Selbstverständlich würde ihn kein ausgewählter Freund verkaufen, „gebraucht, sehr gut“ für 12,40 Euro. Sogar dann nicht, wenn er insgeheim findet, dass es die Firma Pirelli mit dem künstlerischen Anspruch und der politischen Korrektheit langsam übertreibt. 1969: Bikinigirls wie unbemerkt vom Voyeur erwischt. Gewagt. 1973: Leder-Dominas. Oho. 1988: Batman-Maske, durchsichtiges Hemdchen, Spitzenschuh. Na ja. 1990: Wenigstens wieder knackige Riefenstahl-Optik, wenn auch in Schwarz-Weiß. Und es spielt keine Rolle, dass die nackte Diskuswerferin dünne Ärmchen hat. Das Wort Weite kommt hier nur im Zusammenhang mit Ober- vor.

Jetzt wurde der Pirelli-Kalender 2020 vorgestellt. Der Fotograf Paolo Roversi ist dafür ganz klassisch geworden, hat er sich doch auf die Suche nach „Julia, die in jeder Frau lebt“ gemacht. Und was wiederum lebt in Julia? Liebe natürlich, Leidenschaft, Stärke (womit Roversi wohl meint, dass Julia sich wegen eines Manns das Leben nimmt), auch Reinheit und Unschuld. Das kommt einem bekannt vor, noch ehe man Emma Watson als totenbleiche, freizügige Nonne und Claire Foy mit Heiligenschein und Ausschnitt sieht.

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