In diesem Salon hätte Jürgen garantiert den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden.
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In diesem Salon hätte Jürgen garantiert den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden.

Times Mager

Jürgen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Sie ist eine Zauberin. Er kann den Zauber nur mit einer Mund-Nasen-Bedeckung lösen.

Im Salon tragen natürlich alle eine Mund-Nasen-Bedeckung, wobei das beim Friseur an sich nicht so natürlich ist. Alle tun es jedenfalls. Die Friseurin selbst hat heute ein grandioses Modell gewählt, auf dem das Detail eines farbenfrohen Gemäldes abgebildet ist, das ebenfalls hier hängt. Man wäre versucht zu sagen: ebenfalls hier herumhängt, wenn es nicht so überaus relevant wäre, dass der Salon wieder geöffnet ist. Gewiss hängt man hier herum, eine ganze Weile sogar, aber man weiß wofür. Und die Maske ist lästig, aber sprechen wir von interessanteren Dingen.

Jetzt kommt allerdings ein jung gebliebener Mann herein und heißt Jürgen (Jürgen ist nicht sein echter Name, aber den will er nicht in der Zeitung lesen). Jürgen trägt keine Mund-Nasen-Bedeckung, die Friseurin begrüßt ihn in Ruhe und sagt sodann: Jürgen, hast du deine Maske dabei. Nein, das ist keine Frage. Jürgen jedoch schaut verwundert, weil ihm gar nicht aufgefallen ist, dass all die Personen um ihn her, sie und sie und sie und die da, eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Muss ich hier eine Maske tragen, sagt Jürgen gedehnt, und auch das ist keine Frage. Ja, Jürgen, müssen wir alle, sagt die Friseurin keineswegs gedehnt, aber weder schnippisch noch unfreundlich, und das hat sie alles auch nicht nötig, denn nun lässt sie die Zeit stehen, die Zauberin. Jürgen, nicht in dem Sinne ein Trottel, begreift schnell, dass er nur mit einer Mund-Nasen-Bedeckung diesen Zauber wird lösen können. Auch hat er eine solche, sieh an, in der Hosentasche. Er verzichtet aber nicht auf einige, also etliche Hinweise auf die geringfügige Ansteckungsgefahr. Wie geht’s denn in der Firma?, fragt die Friseurin.

Nach dem Haarewaschen wüssten hingegen die anderen gerne, wo auf einmal wieder die Mund-Nasen-Bedeckung geblieben ist, aber die Friseurin weiß es fraglos und sagt friedlich: Jürgen, denkst du an die Maske. Jürgen spielt noch einmal auf Zeit – was, er muss sie ständig anbehalten? –, obwohl er seine Meisterin doch gefunden hat. Er spricht von der Nutzlosigkeit der Maske, dann spricht er noch länger von der Nutzlosigkeit der Maske. Ach, Jürgen, sagt die Friseurin, setz sie einfach auf.

Jürgen hält es kaum aus, und er versteht auch nicht, wie die Friseurin das aushält. Die Friseurin sagt, sie sei froh, dass der Salon wieder offen sei. Jürgen mag dafür der Sinn fehlen, aber wenigstens redet er jetzt von der geplanten Spanienreise.

Es ist nachher ein kleiner Schock, als sich zeigt, dass Jürgen etwas jünger ist als man selbst. Wenn Junggebliebene auf einmal jünger sind als man selbst, sagt das jedoch auch über die Junggebliebenen etwas aus. Man sollte nicht zu früh damit anfangen.

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