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Eine Modeikone lobte eine Politikikone: Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop bei „Mode trifft Politik“.

Times mager

Joops Moden

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Wolfgang Joop lobt Sahra Wagenknecht für ihre modebewusste, aber offenbar antimoderne Erscheinung - und meint das offenbar ohne Ironie.

Ist ein Loch in der Hose bitterer Ernst oder die pure Ironie? Die Frage mag sich einfach anhören – der Fall ist es nicht. Ist das Loch in einer Designerjeans Hohn auf den Konsum, den Konsumterror gar? Ist das Loch eine List der Mode? Weil zu den Listen der Mode die Subversion gehört, die Ironie und die Selbstironie allemal auch.

Das vorweg, wenn man über Wolfgang Joop spricht, den Modezaren, die Modeikone. Den Titel könnte man fast ein wenig ironisch verstehen, wenn er nicht auch sehr ernst gemeint wäre, und auch das gehört zu den Listen der Mode, dass man nicht genau sagen kann, wie ernst es mit der Ironie ist. Oder ob Ernst ein Fall für die Ironie ist.

Wolfgang Joop sagte soeben, dass er, wenn er „in den Rasierspiegel schaut, ins Universum“ schaue. Ironische Koketterie eines Narziss? Oder tief bewegte Sorge eines 74 Jahre alten Weltbürgers? Joop sagte dies auf Einladung der Partei Die Linke, auf einer Veranstaltung im Berliner Babylon, wo Joop auf Sahra Wagenknecht traf. Eine Modeikone lobte eine Politikikone, und Joop war offenbar überhaupt nicht ironisch zumute, als er Wagenknecht für ihre „Madonnenhaftigkeit“ pries, ihre strenge Frisur, ihre altmodische Kleidung – ihre modebewusste, aber offenbar antimoderne Erscheinung. Die Veranstaltung hieß: „Mode trifft Politik“.

Unter diesem Label sprachen im Babylon beide Tacheles. Über den Kapitalismus, über den Konsum, über Sozialpolitik, über die aggressive Stimmung im Land, über das Rohe im Land und die Härte einer Gesellschaft, als Spiegelbild der Ökonomie. Auch äußerte sich Joop zum Hedonismus, über den Mangel, den er als Kind erlebte, eine historische Mangelsituation, er sprach darüber, dass der Mangel durchaus wieder modern werden könne und darüber, dass das Ökothema dagegen so etwas sei wie eine grüne Mode. Mode und Moderne: Joop holte aus, dass es nicht besonders modern sei, die Grünen zu wählen, es sei viel moderner, und das habe etwas mit Sahra Wagenknecht zu tun, die Linke zu wählen. Eine babylonische Begriffsverwirrung?

Mode müsse man als „eine Dauerkrise“ begreifen, meinte vor Jahren schon die große Essayistin und Modekennerin Silvia Bovenschen (1946–2017). Ist das wiederum insgeheim die Verbindung der Mode zur Moderne? Und was heißt das jetzt für die Politik? Zum Imperativ der Mode gehört die permanente Innovation. Im Frühjahr trug Joop wohl noch Grün, in diesem Hitzesommer, sehr charmant, offenbar so richtig Rot. Denn jede Saison braucht ein neues Erscheinungsbild. Noch so eine List der Mode, bei der es ihr bitterer Ernst ist.

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