Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Club der toten Dichter.
+
Der Club der toten Dichter.

Times mager

Johannistag

Stampede der fünffüßigen Jamben: Poetischer Druck ist eine ziemlich üble und auch prosaische Angelegenheit, selbst wenn es sich nur um einen Hörfehler handelt.

Kürzlich kündigte Judith Rakers in der Tagesschau an, der poetische Druck auf die USA solle in der NSA-Problematik erhöht werden. Bis sich das im Kopfinneren als klassische Déformation professionelle klärte, denn natürlich handelte es sich um politischen Druck und eine aufmerksame Sprecherin würde auch nie etwas anderes behaupten, durchzuckte die vom Hörirrtum Betroffene ein Schreck. Ein Schreck und einige Neugier.

Nur dem Amateur kann poetischer Druck wurscht sein, während vielen Profis politischer Druck wurscht ist. Gehört der politische Druck zu den hundertprozentig gerechtfertigten, aber für den Zeitungsleser, Rundfunkteilnehmer und Fernsehzuschauer auch leicht etwas lahm und routiniert wirkenden Mitteln, so haftet dem poetischen Druck doch etwas Geheimnisvolles an.

Was soll das sein, poetischer Druck? Stanzen, die den Betreffenden im Laternenlicht beim Nachhauseweg aus dem Theater drohend hinterherstapfen? Strophen, die per Spammail zwanzig Mal am Tag auf den Zusammenhang zwischen Strophe und Katastrophe aufmerksam machen? Herden von fünffüßigen Jamben, die den unkonzentrierten Fußgänger im Park überrennen? Endsilben, die einem entgegenkeckern, sobald man den Kühlschrank öffnet, und sie tragen kleine Sticker, und auf den Stickern steht: Reim dich oder ich fress dich?

Jedenfalls tun sich doch etliche Möglichkeiten auf, und ob ein ausländischer Präsident sich mehr graust, wenn ihn ein Bundesaußenminister zur vereinbarten Stunde antelefoniert, sei dahingestellt.

Brav sein und Stollen bauen

Jenseits des windigen Feldes der Diplomatie, auch dies fällt einem wieder ein, sobald man sein Pulver verschossen und doch erst die zweite Hälfte der Spalte erreicht hat, ist poetischer Druck sehr prosaisch. Er besteht darin, eine bestimmte Textlänge nicht zu unter-, aber auch nicht zu überschreiten.

Er besteht vor allem auch darin, brav zu sein, wie just am heutigen Johannistage in Nürnberg sich zeigte, als Herr von Stolzing aus pragmatischen Gründen rasch ein Meistersinger werden wollte. Hierfür musste er vielreiche Regularien erfüllen, Stollen bauen, Abgesänge anhängen, und er durfte auch nicht einmal aufspringen vom Stuhl beim Poetisieren. Auch ohne den „Club der toten Dichter“ wüssten wir, dass es kaum etwas Unangenehmeres in der didaktisch noch so hochwertigen Welt gibt, als ein selbst gedichtetes Gedicht öffentlich vorzutragen (außer freilich, man wäre ein Dichter!).

Gerade von der prosaischen Seite aus ist poetischer Druck also eine üble Maßnahme.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare