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Hoffentlich sind sie ausreichend mit Jod-S11-Körnchen versorgt.
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Hoffentlich sind sie ausreichend mit Jod-S11-Körnchen versorgt.

Times mager

Jod

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Damals, mit Adam, Eva und Platon. Es ist naheliegend, auf dem umzwitscherten Balkon an die Zeiten der Wellensittiche zu denken.

Es ist Balkonwetter, immerhin, und da sitzen Sie nun, schauen auf das liebestoll herumrennende Eichhörnchenpaar im Nachbargarten und lesen in der Zeitung, dass „liebestolle Eichhörnchen“ oft „nicht auf den Verkehr achten“. So widersprüchlich ist die Welt, und der Amselmann auf dem Nachbarbaum trällert, als wollte er den Verkehr übertönen. Sie denken: Hoffentlich hat er genug Jod.

Warum denken Sie das? Weil Sie von Kindesbeinen an ein durch gnadenlose Erfindungen des Werbefernsehens verformtes Gehirn besitzen und schon als gerade Heranwachsender ganz sicher waren, dass nicht nur Ihr Wellensittich, sondern auch jeder andere Vogel dem Tode geweiht wäre, wenn ihn nicht ein günstiges Schicksal mit den Jod-S-11-Körnchen eines bestimmten Herstellers versorge.

Erst sehr viel später erfuhren Sie, dass Jod S 11 angeblich eine Abkürzung für Jod-Sonnenschein-Körnchen darstellte, weil der Sonnenschein neben dem „S“ noch elf weitere Buchstaben enthält und nicht jene geheimnisvoll lebenserhaltenden Substanzen, an die Sie all die Jahre glaubten.

So schweifen die Gedanken in jene Zeit, als Sie ein Wellensittichpärchen namens Adam und Eva besaßen, das natürlich so hieß, weil es nun mal Ihre ersten Wellensittiche waren. Adam starb früh, aber nicht ohne Verkehr, so dass Witwe Eva ein Ei gebar, das sie erstaunlicherweise ausbrütete, bevor sie nun ihrerseits verschied.

Das noch nackte, vollwaise Vögelchen bekam den Namen Platon, weil das nach Adam und Eva der zweitälteste Name war, von dem Sie je gehört hatten. Dass Platon, der Philosoph, schon tot war, bevor die Geschichte von Adam und Eva zum Bestseller wurde, hatte Ihnen im Religionsunterricht niemand gesagt.

Platon, der Vogel, wuchs, handaufgezogen, zu einem prächtigen Sittich mit hellblauem Gefieder heran, der seine Flugübungen am liebsten zwischen dem Kleiderschrank und dem Kopf des stolzen, immer noch jugendlichen Ziehvaters machte. Und alles war gut bis zu jenem Tag, als Ihre Mutter, während Sie die Schule besuchten, beim Käfigreinigen vergaß, den Vorhang zuzuziehen.

Es kam, was kommen musste. Platon, jodgepowert bis in die Federspitzen und eine Ahnung ungelebter Freiheit verspürend, aber noch unvertraut mit der Erfindung des Glases, flog mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Straße, prallte gegen die Scheibe und stürzte mausetot, wenn der Ausdruck für einen Wellensittich erlaubt ist, zu Boden.

Platon starb, ohne je an Verkehr gedacht zu haben. Aber wieder ist Frühling. Die Sonne sinkt, draußen ist Verkehr, die Eichhörnchen scheinen sich ins Nest verzogen zu haben, und der Amselmann singt.

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