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Die Dosis Gauck, die der „Spiegel“ am vergangenen Wochenende servierte, war nun wirklich zu groß, um sie am Stück zu verdauen.

Times mager

Joachim Gauck und die Schuld

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Vielleicht hätte Joachim Gauck die „Schuldkult“-Pamphlete der Neuen Rechten mal lesen sollen, die aus der Anerkennung historischer Schuld ihre Legenden von deutscher Selbst-Erniedrigung bastelt.

Dem kollektiven Kurzzeitgedächtnis geht es ja nicht anders als dem individuellen: Wenn zu viel Unschönes auf einmal kommt, schaltet es ab. Macht dicht. Verweigert die Kenntnisnahme. Das ist manchmal ganz gesund, kann aber auf Dauer zu Wahrnehmungsstörungen führen.

Die Dosis Gauck, die der „Spiegel“ am vergangenen Wochenende servierte, war nun wirklich zu groß, um sie am Stück zu verdauen. Also arbeitete sich die kollektive Hirnmasse erst mal an den vagen Hinweisen unseres ehemaligen Präsidenten zur „Toleranz gegen rechts“ ab, sank dann allerdings erschöpft in die Kissen bzw. schaute der nächsten Sau hinterher, die irgendjemand durchs Dorf trieb.

Aber wie das so ist: Ein gemütlicher Sommerabend auf dem Balkon, und schon steckt der Gauck wieder im Kopf. Richtig, er hat ja auch Geschichtspolitik betrieben im „Spiegel“-Interview, und das ist eine Nachlese wert.

Joachim Gauck ist kein Rechter

„Gauck: Wir haben übrigens auch, wohl aus gutem Willen, den pädagogischen Fehler gemacht, in der Zeit nach 68 die junge Generation noch mit in Haftung zu nehmen für das, was unsere Elterngenerationen getan haben. – Spiegel: Welchen Fehler meinen Sie genau? – Gauck: Eine unschuldige Generation mit Schuld zu infizieren. Aus der guten Absicht: nie wieder! – Spiegel: Warum ist das ein Fehler? – Gauck: Weil es neurotisch ist. Die Jungen müssen wissen, was geschah, und aus diesem Wissen erwächst Verantwortung für das politische Handeln, aber du sollst ihnen nicht das Gefühl der Scham oder der Schuld implementieren, weil Schuld individuell ist. (…) – Spiegel: Sie meinen, Deutschland ist mit der Aufarbeitung seiner Geschichte zu weit gegangen? – Gauck: Insgesamt war der Prozess richtig und wichtig. Und hat geholfen, dass Deutschland gegenüber dem Ausland und gegenüber sich selbst glaubwürdig wurde. Allerdings hat eine teilweise Fokussierung auf die eigene Schuld viele Deutsche dazu geführt, sich selbst grundsätzlich zu misstrauen.“

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Nein, unser Altbundespräsident ist kein Rechter, jedenfalls nicht in dem extremen Sinn, in dem das Wort heute gebräuchlich ist. Aber vielleicht hätte er die „Schuldkult“-Pamphlete der Neuen Rechten mal lesen sollen, die aus der Anerkennung historischer Schuld ihre Legenden von deutscher Selbst-Erniedrigung bastelt. Dann hätte er vielleicht gemerkt, dass viele Nachgeborene, die bewusst mit dieser Schuld leben, sich selbst keineswegs „grundsätzlich misstrauen“, sondern alles tun, um die Lehren zu ziehen. Und er hätte es vielleicht bei dem schönen Satz belassen: „Es empört mich, wenn Leute jetzt so tun, als könnte man sich unkritisch in eine deutsche Tradition stellen, die Verbrechen begangen hat.“

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