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Von: Stephan Hebel

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Der Deutschland Funk ist ein nationales Hörfunkprogramm des öffentlich rechtlichen Rundfunks.
Der Deutschland Funk ist ein nationales Hörfunkprogramm des öffentlich rechtlichen Rundfunks. © Soeren Stache/dpa

Wen zwei Leute je zwei Bier trinken - sind das vier Bier. Wenn es in Berlin und Greifswald je 16 Grad hat, sind das dann 32 Grad?

Es gibt über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz unterschiedliche Meinungen, die sich eigentlich so zusammenfassen lassen, wie das der moderne und damit meinungslose Mensch heute gern tut: Die einen sagen so, die anderen sagen so.

Von denen, die immer noch eine Meinung haben, sitzen die einen mit verbitterter Miene vor ihren Computern und posten auf ziemlich asozialen Netzwerken sehr wütende Texte. Die laufen darauf hinaus, dass Rundfunk und Fernsehen allüberall von korrupten Intendantinnen und Intendanten beherrscht werden, die jeden Morgen auf ihren sündhaft teuren Massagestühlen die Tagesbefehle der Nato entgegennehmen. Natürlich nicht nur in Berlin, Frau Schlesinger war nur die Spitze des Eisbergs, wer es nicht glaubt: Gehirnwäsche-Opfer!

Die anderen von den nicht Meinungslosen schließen aus solchen Shitstorms in beachtlicher Rückwärtslogik, dass bei den Medien alles in Ordnung sei, sonst wären die Kritikerinnen und Kritiker ja nicht so doof. Fertig.

An dieser Stelle kann nun am Beispiel des Deutschlandfunks nachgewiesen werden, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk ganz okay sein kann, aber so ganz okay auch wieder nicht.

Die Rede ist vom Wetterbericht, bei dem eine erste Plausibilitätsprüfung ergibt, dass er einigermaßen seriös recherchiert und dem Wissensstand des Augenblicks angemessen sein dürfte. Aber manchmal folgen dann noch die Temperaturen des Morgens in einigen deutschen Städten, und hier fangen die Probleme schon an. „Greifswald und Berlin je 16 Grad“, liest jemand vor, oder von mir aus auch „Stuttgart und Freiburg je 17 Grad“, das tut jetzt wirklich nichts zur Sache. Frage: Was soll das heißen, „je“ soundsoviel Grad? Wenn mein Kumpel und ich je zwei Bier getrunken haben, sind vier Bier weg. Einverstanden? Das heißt also, dass es in Greifswald und Berlin zusammen 32 Grad heiß ist, und das morgens um sieben, in Stuttgart und Freiburg sogar 34 Grad. Das kommt sicher irgendwann, aber noch ist der Klimawandel nicht ganz so weit.

Fürchtet etwa der Deutschlandfunk, er könne missverstanden werden, wenn er sagt „Greifswald und Berlin 16 Grad“, ohne „je“? In dem Sinne, dass jemand denkt, es sei bei in Greifswald und Berlin „je“ acht Grad und nicht 16? Beziehungsweise Stuttgart und Freiburg, rechnen Sie jetzt ruhig mal selbst.

Hiermit ergeht, im Interesse des Ansehens des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Bitte um zeitnahe Aufklärung. Nachmittags gibt es übrigens internationale Temperaturen, Kiew eingeschlossen. Prompt füllt sich der Kopf wieder mit dem Elend der Welt und denkt: Machen Sie mit Ihrem „je“, was Sie wollen.

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