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Irrtümer

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Von: Judith von Sternburg

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Sportwetten: eine totale Lotterie.
Sportwetten: eine totale Lotterie. © AntonioGuillemF / PantherMedia

Selbst die kalte Vernunft führt nicht immer zu richtigen Ergebnissen.

Gesetzt den Fall, man gehört selbst zu jenen, die immer eine Prognose auf den Lippen haben – „das machen die doch nie“, „so weit wird es nicht kommen“, „da wird ein bisschen geredet und dann geschieht schon nichts“ –, und dann ist die Prognose in 97 Prozent der Fälle falsch, denn die Dinge kommen im Anschluss genau so, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Und hier geht es einmal nicht um den Lauf der Welt, sondern um Pillepalle bei der Arbeit z. B., Pillepalle, aber immerhin das, mit dem man sich auskennt. Das, bei dem man glaubt, mitreden zu können.

Die Arbeit ist auch etwas anderes als die FR-Tippgemeinschaft, die eine totale Lotterie ist, obwohl sich ebenfalls alle auskennen, also ohne Unterlass Fußball gucken und den FR-Sportteil studieren und sich bemühen, jenseits der Eintracht-Partien nicht das magische Denken, sondern die kalte Vernunft walten zu lassen. Aber auch die kalte Vernunft führt keineswegs zu den richtigen Ergebnissen. Denn, klar, es gibt richtige Ergebnisse, Woche um Woche trägt man sie sorgfältig in die Tabelle ein und hört schon fast, wie die Sprecherin der Tagesschau sie vorträgt. Das magische Denken führt umgekehrt ohnehin nicht zum Ziel, weil Zauber und Gegenzauber schlechte Berater sind.

Hier nun der tröstliche Teil: Auch andere irrten schon gewaltig auf Gebieten, auf denen sie sich auskannten. „Who the hell wants to hear actors talk?“, sagte Harry Warner von den Warner Brothers, als der Tonfilm aufkam. Irrtümer sind sympathisch, sofern sie nicht andere in den Abgrund ziehen. Und selbst dann noch können sie sympathisch sein. Keine Fehleinschätzung macht mehr Laune als Siegfrieds in Richard Wagners „Götterdämmerung“. Der Held, der allerdings unter Drogeneinfluss nicht er selbst ist, haut den Satz raus: „Frauengroll friedet sich bald“. Er hat gute Gründe, das von ihm zuvor mitverursachte Desaster kleinzureden (inklusive einer Vergewaltigung, krass). Siegfried singt das leichthin und doch verlegen, auf eine Art, die den Grobian Wagner einmal wieder als einen verblüffend brillanten Psychologen zeigt.

Aber das Publikum weiß bereits: Nein, so wird es nicht kommen, die Frau wird sich rächen, indem sie Siegfried zur leichten Beute eines Meuchelmörders macht, ihn ausliefert und abkratzen lässt, und soll seine zweite Frau ruhig heulen und der Hof des Bruders der blöden Kuh untergehen.

Das reicht aber alles noch nicht und die Frau wird jetzt allen noch stundenlang, nein, nicht stundenlang, aber ausführlich erklären, was für Babys und Waschlappen sie sind. Und da das immer noch nicht reicht, wird die Frau nun noch Himmel, Erde und Bühne in Brand stecken. Und dann ist allmählich gut.

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