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„Kein Corona-Burgfrieden für Merkel“ - die Ansage aus der Linken erinnert an das weltkriegsbegeisterte Deutschland 1914.

Times mager

Infamie

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Interessant zu sehen, aus welcher Ecke momentan die Kriegsmetaphorik kommt.

Die Corona-Krise schafft sich ihre eigenen Gesetze. Doch ein Gesetzgeber ist nicht etwa nur der Staat, sondern als solcher glaubte sich der Spaß. Gesetzt war in Teilen der Gesellschaft ein Verhalten, mit dem man sich über die Erfordernisse des Gemeinwohls hinwegsetzte. Selbstverliebte Kuschel-Kränzchen, Coronanie-Partys in aller Öffentlichkeit, tagelang schien es keinerlei Immuneffekte gegen die Inszenierungen selbstsüchtiger Eventgemeinschaften zu geben.

Handelte es sich um Enthemmung, eine womöglich anarchisch motivierte Entgrenzung? Wie auch immer die Erklärungen ausfallen (werden), seit Samstag stellt sich die Situation in Münchens Glockenbachviertel, in Hannovers Fußgängerzone, auf Bolzplätzen in Dortmund oder in Düsseldorfs Altstadt so dar, dass die Politik seitdem wiederholen kann, die Botschaft, die bisher ignoriert wurde, sei angekommen, endlich, mit mehrtägiger Verzögerung. Verspätung? Wollten der Schlauberger, die Besserwisserin, das Spaßvögelchen die Lage womöglich nicht weiter eskalieren lassen? Wurden die Eventwilligen von einem Tag auf den anderen heimgesucht von Eigenverantwortung plus sozialer Einsicht? Oder war es eher so, dass sie nicht immun waren gegen den eisigen Wind?

Seuchen, davon erzählen die Erzählungen aus dem antiken Athen bereits, sind für Gesellschaften ein Charaktertest, und Unzählige haben auf den Ausnahmezustand in Deutschland alles andere als asozial oder anarchisch reagiert, sondern im Gegenteil außerordentlich umsichtig, rücksichtsvoll, mit enormen Anstrengungen, solidarisch. Gerade in der Handreichung auf Abstand hin zeigt sich, wie sehr die Seuche eine unbekannte Herausforderung ist, an Pestzeiten gemahnend.

Der Gesellschaft bekannt waren Horrorszenarien à la Hollywood. Doch der Staat hatte kein Skript, als der Schrecken wirklich losging. Umso mehr fordert Corona den Staat heraus – und wie resistent zeigt sich die Gesellschaft, nicht nur gegenüber einem starken Staat, sondern mit welchen Abwehrkräften gegenüber Ideologen? „Kein Corona-Burgfrieden für Merkel“, so rief der Energie- und Klimapolitiker der Linken, Lorenz Gösta Beutin, im „Neuen Deutschland“ den Massen zu. Eine Anspielung auf das wilhelminische, weltkriegsbegeisterte Deutschland 1914 – und eine Niederträchtigkeit schon deswegen, weil die Bundeskanzlerin, anders als der eine oder andere europäische Regierungschef auf jede Kriegsmetaphorik im Kampf gegen Corona verzichtete.

Offenbar können Teile einer gegen Infamie nicht immunen Linken nicht anders als in absurden historischen Analogien denken. Es spricht einiges dafür, dass Krisen immer wieder die Stunde der Amtsinhaber sind.

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