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In Lwiw

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Von: Sylvia Staude

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Tote begraben in Lwiw in diesen Tagen.
Tote begraben in Lwiw in diesen Tagen. © AFP

Die Dachfenster sind auf, damit er die Sirenen hört, während er mit uns in Frankfurt spricht.

So sehr haben wir uns in zwei Jahren Pandemie daran gewöhnt, dass Menschen uns aus allen Ecken der Welt „zugeschaltet“ sind, wir umstandslos ein Stück Wohn- oder Arbeitszimmer zu sehen bekommen (das bei den meisten Intellektuellen große Ähnlichkeiten aufweist), dass es einerseits am Samstag bei den Römerberggesprächen (siehe unten) nicht weiter bemerkenswert war, dass der Ukrainer Jurko Prochasko aus Lemberg, Lwiw, eben „zugeschaltet“ war; aber andererseits ging im wahren Sinn des Worts ein Ruck durch die Zuhörerin, als Prochasko zu Beginn erwähnte, dass er die Dachfenster geöffnet halte, um die Sirenen hören zu können. Die Menschen in Lemberg, das durch etwa 300 000 Flüchtlinge bereits um ein Drittel größer geworden sei als vor dem Krieg, suchten bei Sirenengeheul keineswegs immer Schutzräume auf, auch er nicht, obwohl man das allerdings tun sollte.

Prochasko und sein Sohn blieben, seine Frau und Tochter brachten sich in Sicherheit. Das tat, natürlich aus anderen, aus Gründen eines politisch Verfolgten, auch der russische Schriftsteller Victor Jerofejew, der darum von derzeit Brandenburg nach Frankfurt reisen und leibhaftig an den Gesprächen teilnehmen konnte. Den Vorwurf, er habe sich als Kulturschaffender nicht ausreichend von Putin distanziert, kann man ihm wirklich nicht machen, hat er sich doch so entschieden distanziert, den russischen Gopnik und Diktator so offen kritisiert, dass er in seiner Heimat in Gefahr war: Er kann dich für nichts, er kann dich einfach so umbringen, so Jerofejew.

Doch muss er nun trotzdem die Rolle des russischen Schriftstellers akzeptieren. Als der er von Moderator Alf Mentzer auch prompt auf eine kritisch gemeinte Bemerkung Prochaskos angesprochen wurde, wonach er, Prochasko, seit Kriegsbeginn viele unterstützende Schreiben bekommen habe, „aus Russland aber kein einziges“. Verantwortung, so Prochasko weiter, gelte auch für russische Kulturschaffende.

Jerofejew antwortete indirekt, indem er über riesige Mentalitätsunterschiede sprach. „Completely different“, so der Autor, werde in der Ukraine und in Russland das Leben wahrgenommen. In Russland habe man Freude daran, die Idee eines guten Lebens, eines „petit bourgeois“-Lebens zu zerstören. In der Ukraine wisse man, wie man das Leben genießt. Sein Beispiel war der Borschtsch, der in der Ukraine so viel besser sei als in Russland.

Da denkt die Zuhörerin, wie sehr es zu wünschen wäre, dass Prochasko und Jerofejew bald in Lemberg (und bei geschlossenen Dachfenstern!) vor einer Schüssel Borschtsch sitzen können.

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