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In Davos

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Von: Sylvia Staude

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War es klug, am Frühstücksbüfett mitgedrängelt zu haben?
War es klug, am Frühstücksbüfett mitgedrängelt zu haben? © Imago

War was? Wo einst TB-Kranke auf Gesundung hofften, drängeln sich Menschen am Büffet. Auch Hustende.

Direkt neben der Strecke der Zahnradbahn, dort, wo breit hängende Tannenzweige wie ein Volantrock den Schnee abgehalten haben und graugelbes Wintergras freiliegt, steht verlässlich morgens, abends, auch zwischendrin ein Reh und frisst. Es schert sich nicht um die in der Zahnradbahn Sitzenden, die bald schon bei Abfahrt Wetten abschließen, ob etwa auch diesmal…? Die ha! sagen zueinander, mit dem Finger zeigen und überlegen, ob es sich streicheln ließe, das sanfte Tier. Erst kurz vor Abreise werden sie erfahren, dass es sie reingelegt hat, das Reh, denn ein Angestellter der Zahnradbahn spricht von insgesamt vier Rehen an just dieser Stelle des Waldes. Da erst fällt einem auf, dass das kleine Reh vom zweiten Tag am dritten durchaus über Nacht gewachsen zu sein schien. Man glaubte, sich einfach nur falsch zu erinnern.

Es könnte eine Reh-Dynastie sein, deren Mitglieder womöglich schon jene trösteten (ein Reh ahnt davon nichts, dass es dem Menschen die Niedlich- und Friedlichkeit verkörpert; muss es auch nicht, um wirksam zu sein), die vielleicht jene zuversichtlich stimmten, die sich mit der Bahn ins Sanatorium bringen ließen.

Längst ist das einstige Sanatorium ein Hotel, aber seine Besitzer haben die (Zeit-)Löcher in die Vergangenheit nicht verputzen und übertünchen lassen. Und wer nicht begreift, was er sieht, es aber begreifen möchte, kann gern fragen.

Fragen nach den etwa truhengroßen Türen im alten, metallisch klappernden Aufzug zum Beispiel, die direkt auf einen hinter dem Gebäude angelegten Weg öffnen: eine Art Durchreiche, doch nicht für Essen. Oder nach dem Namen des Raums, in dem man nach einem Tag voll Luft und Licht im Halbdunkel sitzen und entspannt plaudern kann: X-Ray Bar, Röntgen-Bar. Die Fenster mit den trübroten Scheiben beginnen weit oben, damit, wer hier einst aufs Röntgen oder eine Operation wartete, nicht das Bild jener Glücklichen vor Augen haben musste, die gesund genug waren, an der Sonne zu flanieren.

„Wenn eine tuberkulosekranke Person starb oder das Sanatorium verließ“, so berichtet die im Speisesaal ausliegende Gästezeitung im März 2022, „musste jedes Zimmer durch Beauftragte des Kurvereins mit Formalin gereinigt und so desinfiziert werden.“ Hoppla, war es klug, am Frühstücksbüfett eben erst mitgedrängelt zu haben, Rücken an Bauch und Nase fast an Achsel, als gälte es, just diese Scheibe Käse noch zu erwischen?

Es gibt auch wieder Menschen, die sich zu husten trauen, sogar am Frühstücksbüfett. Familien stampfen durch die Lobby und den kurzen Weg zur Zahnradbahn, hochgerüstet zum Skifahren. Gleich werden die Kinder mit ihren Helmen gegen das Kabinenglas rumsen, weil sie auf keinen Fall das Reh verpassen wollen.

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