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Es gibt viele Möglichkeiten, warum man im Gras liegt.
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Es gibt viele Möglichkeiten, warum man im Gras liegt.

Times mager

Im Gras

  • VonSandra Danicke
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Warum liegt hier ein Mann im Gras und guckt in die Luft? Es gibt so viele Möglichkeiten.

Vor dem Büro liegt ein Mann im Gras. Genau jetzt, in dem Moment, in dem dieser Text entsteht. Er liegt dort einfach so, ohne Picknickdecke. Es wäre ohnehin kein schöner Ort für ein Picknick, direkt an der Mainzer Landstraße. Der Mann wirkt entspannt. Zwei Meter weiter liegen seine Schuhe und eine gut gefüllte Brötchentüte vom Bäcker. Nur: Warum liegt der da? Da man annimmt, der Mann könne obdachlos sein, will man nicht so genau hinsehen, um nicht als Voyeurin zu erscheinen.

Dabei handelt es sich bekanntermaßen um ein alltägliches Dilemma. Man schaut nicht hin, weil man befürchtet, dieses Hinsehen könne als Gaffen missdeutet werden. Nicht Hinsehen wiederum suggeriert, dass einem das Elend (so es sich denn um ein solches handelt) der Menschen egal ist. Natürlich könnte man versuchen herauszufinden, ob der Mensch, um den es sich dreht, an einem Gespräch interessiert ist oder einfach nur in Ruhe gelassen werden will. Könnte man. Doch da ist man längst weitergegangen.

Die Kollegin, der man dies erzählt, sagt, auch vorgestern habe dort ein Mann gelegen. Es war also kein plötzlicher Schwächeanfall. Ob er Sorgen hat? Oder meditiert? Womöglich hat er seine Arbeit verloren und geht aus Gewohnheit jeden Morgen zur ihm bekannten Bäckereifachverkäuferin, die ihm wie jeden Tag zwei Croissants und ein Käsebrötchen einpackt. Vielleicht findet er es aber auch einfach entspannend, jene zu beobachten, die in ihre Büros hetzen. Womöglich hat er auch eine Nachtschicht hinter sich.

Was den Liegenden so besonders macht, ist natürlich der ungewöhnliche Ort, an dem er sich platziert und den er offenbar bewusst ausgewählt hat. Läge er in einem Park, würde er nicht weiter auffallen. In der bildenden Kunst nennt man das Kontextverschiebung. Ein Stein, der auf der Straße liegt, hat keine besondere Funktion. Liegt aber derselbe Stein in einer Museumsvitrine, dann steht er beispielhaft für eine Epoche, ein Material, eine Farbe oder was auch immer ein Stein in einem Museum ausdrücken kann (es ist mehr, als Sie vielleicht denken).

Der Mann im Gras erscheint einem plötzlich als eine Art Mahnmal oder Erinnerungsstütze, als Szenerie, die man sich an seinem Schreibtisch immer mal wieder ins Gedächtnis rufen kann. Als eine Möglichkeit, die einem schrecklich oder auch verführerisch schön erscheinen kann: das Bild eines Mannes, der ohne Schuhe auf einer gemähten Wiese vor einem Bürohaus liegt und in die Luft guckt. Wie wäre es, wenn man sich einfach dazulegen würde?

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