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Identität ist wie ein Etikett. Warum soll es nicht auf die Altstadt aufgeklebt werden, wie es bei verschiedenen Gelegenheiten Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth getan hat...

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Identität

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Die neue Frankfurter Altstadt soll die Frankfurter Identität stabilisieren. Schau mer mal.

Hin und wieder ist es so, dass der Identität etwas fehlt. Sie ist dann nicht ausreichend kräftig ausgebildet, so dass sie bloß kräftig schwankt. Um das zu ändern, um der Identität also auf Dauer einen Halt zu geben, wird sie errichtet, die Frankfurter Altstadt. Ausdrücklich zur Stabilisierung der Frankfurter Identität, auch wenn sie, obwohl nicht immer, aber doch hier und da, dann doch ganz ordentlich vorhanden ist. Ja, sogar kräftig – Eintracht Frankfurt. Oder regelrecht einträglich – Frankfurter Sparkasse. Haben etwa beide keine Identität? Wo beide doch auch eine Philosophie haben. Oder ist das Wort Philosophie (Vereinsphilosophie, Sparkassenphilosophie) nur ein Missverständnis? Oder ein Marketingverständnis?

Mit dem Wort Identität lässt sich sehr viel unternehmen. Es ist regelrecht unternehmerisch tätig. Obendrein ist es mit der Identität wie mit einem Etikett. Warum soll es nicht auch auf die Altstadt aufgeklebt werden, wie es bei verschiedenen Gelegenheiten Frankfurts Oberbürgermeisterin getan hat, Petra Roth, unvergessen. Frankfurts Altstadt werde für die Identität Frankfurts immens wichtig sein. Aber kann eine Altstadt das?

Das war nie so sehr eine Frage, als vielmehr eine Feststellung, Zweifel unangebracht. Identität durch Altstadt, das hatte etwas von einem – nun ja – vormodernen, wahrhaftig mittelalterlichen Dekret. Liebe Gemeinde, glaubt an die Identitätsbildung durch die zukünftige Altstadt, und ihr werdet versöhnt werden mit Frankfurt. Das Bekenntnis zum Neubau einer nagelneuen Altstadt war von Anfang an nicht nur ein kulturpolitisches Credo, es war weit mehr als das, es sprach aus ihm ein Glaubensbekenntnis.

Was das Wort Identität nicht alles auslöst, auch wenn es eine so vage Vokabel ist. Sie benennt nichts, gemeindet aber alles ein, auch Altstadtquartiere. Nicht recht fassbar, geht es bei dem Wort nicht um etwa eine Balance zwischen Gefühl und Gedanke – Identität verlangt Hingabe. Allein das ist bereits heikel.

Macht sich der Mensch dennoch einen Kopf, könnte er Identität glatt für einen Etikettenschwindel halten. Oder soll ihm bei dem Wort, das so gezielt eingesetzt wird, womöglich ein wenig schwindelig werden – was natürlich nicht mit jedem Menschen geschieht, vor allem solchen nicht, die von Haus aus eine feste Altstadtüberzeugung mitbringen. Wie auch immer, die Frankfurter Altstadt ist Haus für Haus eine enorme Herausforderung. Zu den Hausaufgaben könnte auch eine kritische Rekonstruktion des Wortes Identität zählen. Ein frommer Wunsch.

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