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"Wie ein Schneekönig habe ich mich gefreut!"

Times mager

Ich so

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Auch Freunde der verdichteten Rede werden zugeben, dass es der neuen Sprechweise ein wenig an Variationsbreite mangelt.

Die deutsche Sprache ist reich an Armut, aber es besteht kein Grund zur Sorge, denn es geht nicht ausschließlich bergab.

Nicht zu verschweigen ist, dass es heute hier und da zu bedenklich reduzierten Ausdrucksweisen kommt. Mit einem Hauch von Nostalgie darf daran erinnert werden, wie der durchschnittliche Sprecher (und ebenso die Sprecherin) früher auf überraschende, erfreuliche oder auch erschreckende Situationen reagierte.

Wenn zum Beispiel jemand erzählte, er oder sie sei von einem Regenschauer aus fast heiterem Himmel überrumpelt worden, beschrieb er oder sie die eigene Reaktion in etwa so: „Mir stand vor Staunen der Mund offen.“

Wenn jemand berichtete, er oder sie habe plötzlich und unerwartet eine bedeutende Summe im Lotto gewonnen, pflegte er oder sie hinzuzufügen: „Was habe ich mich gefreut!“ Oder auch: „Wie ein Schneekönig habe ich mich gefreut!“ O.Ä.

Geschah aber etwas Erschreckendes, etwa ein unvorhersehbarer Überschallknall am Himmel, dann berichtete die betroffene Person im Nachhinein: „Mir ist fast das Herz stehengeblieben!“

Heute lauten die Berichte etwas anders. Fall 1 (Überraschung): „Ich so: Hä?!“ Fall 2 (Freude): „Ich so: Wow!“ Fall 3 (Erschrecken): „Ich so: Oh!“

Das geht ohne Zweifel wesentlich schneller, aber auch Freunde der verdichteten Rede werden zugeben, dass es dieser Sprechweise ein wenig an Variationsbreite mangelt. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass die Verkümmerungserscheinungen neue Räume schaffen für den unerwarteten Aufstieg komplexerer Begriffe.

So ist erfreulicherweise der Eklektizismus dabei, sich, ohne dass auch nur ein Experte es vorhergesagt hätte, auf geheimnisvolle Weise seinen Weg aus der Philosophie- und Kunstgeschichte in die Sprache der Allgemeinheit zu bahnen. Sicher nicht mit allen Facetten seiner Bedeutung, aber dafür halt als Synonym für jeden Stilmix, der sich in die Mode oder ins Design verirrt hat und nicht bei drei auf dem Baum ist.

Kürzlich erzählte Kollegin K., sie habe das Wort „eklektisch“ in einem Artikel über Mode gelesen, ohne den Begriff zu kennen, und deshalb ziemlich gestaunt („Ich so: Hä?!“), was zu einem kurzen, aber heftigen Formationstanz ihrer Synapsen geführt habe, die zuerst das Wort „elektrisch“ und dann den hessischen Begriff für „eklig“ aufs Parkett gezaubert hätten. Anschließend habe sie aber gegoogelt und folgenden Satz gefunden: „Die unterschiedlichen Kulturen finden sich dabei in allen Bereichen des Hotels wieder. (...) Als Beispiele dienen der afrikanische Gentlemen Club oder das eklektisch-israelisches Restaurant.“ Von da an sei alles klar gewesen, bis auf die Grammatik.

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