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Ein emotionaler Moment: Die Ankunft in West-Berlin.
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Ein emotionaler Moment: Die Ankunft in West-Berlin.

Times mager

Ich

Alte Briefe zu lesen führt einen tatsächlich nicht weiter. Das Ich gehört zu den bizarrsten und vergänglichsten Konstruktionen, mit denen der Mensch sich eine Art Sicherheit geben will.

Ein Konvolut Briefe ist unerwartet wieder aufgetaucht, bei der Räumung eines Kellers, in dem es in einer Plastiktüte die Jahrzehnte unbeschadet überdauerte. Die Handschrift ist schlecht zu lesen, die Handschrift ist nachgerade eine Unverschämtheit. Die Post hat dies seinerzeit dahingehend kommentiert, dass sie auf etwa jedem dritten Brief die Anschrift der Adressaten noch einmal über, unter oder neben die ursprüngliche, tatsächlich nur zu ahnende Adresse geschrieben hat. Ohne weitere explizite Vorwürfe, abgesehen von einem einfachen und einem doppelten Ausrufezeichen.

Unter uns gesagt, ist auch die Handschrift des Postbeamten/der Postbeamtin (damals existierte diese Berufsbezeichnung noch mit Fug und Recht) nicht gut zu lesen, aber mit der eigenen Schrift hat man es bekanntlich immer etwas leichter.

Auf Dauer eine Spur langweilig

Die Briefe kommen aus dem englischsprachigen Ausland, sie handeln vom friedvollen Leben einer Austauschstudentin, die den ganzen Tag liest und in Museen geht. Abends geht sie ins Theater und ins Kino. Dann fällt in Deutschland die Mauer. Die Austauschstudentin berichtet, sie sei mit einigen anderen von betrunkenen englischen Studenten auf dem Nachhauseweg gefragt worden, ob sie Deutsche seien. Die Mauer sei offen. Welche Mauer, hätten sie gefragt. Nachher hätten sie es dann immer noch nicht geglaubt, bis sie es dann wieder und wieder hörten. „Da war ich doch ganz schön verdutzt“, heißt es in dem Brief, der sich nicht nur an dieser Stelle nicht vollständig auf der Höhe der Ereignisse und ihrer historischen Wucht bewegt. Natürlich dauerte es damals noch sehr lange bis zur Einführung des allgemein verbindlichen Taschencomputers. In anderen Briefen ist von der langen Schlange vor den Telefonen die Rede oder von einem Anruf aus einer öffentlichen Fernsprechzelle, durch deren Scheiben Wartende starren.

Die Briefe, auch dies lässt sich im Gekrakel teils erkennen, teils erahnen, sind mit einer offenherzigen Interpunktion und Bildern versetzt. Einige der Bilder sind humorvoll gemeint, andere eher informativ. Wobei sich nicht jeder Witz erschließt und sich immer wieder die Frage stellt, worüber hier informiert werden soll. Es finden sich Hinweise auf Personen namens Sabine, Susanne und Paul. Richtung Heimat werden Grüße an Frau Dorn übermittelt. Insgesamt ist es auf Dauer eine Spur langweilig.

Es wäre nun übertrieben zu behaupten, man wisse von alledem rein gar nichts. Aber es offenbart sich mit aller Deutlichkeit, dass das Ich zu den bizarrsten und vergänglichsten Konstruktionen gehört, mit denen der Mensch sich eine Art Sicherheit geben will.

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